Sexarbeit – Motivation, Arbeitsmodelle und Selbstverwirklichung

7. März 2016 Allgemein

Hinter dieser Überschrift steckt mein Vortrag zum Sexarbeits-Kongress 2016. Gleichzeitig ist mir ein intimes Portrait meiner Vorstellung von Sexualität gelungen. Ich bin sehr glücklich, dabei gewesen zu sein, um anderen von den schönen und positiven Seiten der Sexarbeit berichten zu können.

Motivation

Seit meiner ersten Masturbation gehört Sexualität in all ihren Formen zu meinen liebsten Beschäftigungen. Ich bin bis heute fasziniert von der Intensität und Vielfältigkeit, die das Thema bereithält. Der Kontakt zu Menschen, der Flirt und der Akt an sich sind für mich ein Vergnügen, dem ich mich gerne tagtäglich hingebe. Dabei möchte ich mich nicht auf einen Partner beschränken, sondern genieße mit wechselnden Partnern wechselnde Praktiken und Einflüsse. Keinem anderen Thema schenke ich so gerne meine Hingabe und meine Zeit. Als Mensch, der gerne viel Verkehr hat, muss man einiges an Zeit investieren. Besuche in Bars und Clubs, das Pflegen von Profilen auf Kontaktbörsen, endlose Gespräche mit potenziellen Sexualpartnern. Nicht zu vergessen: der Sex natürlich. Es bedeuten einen immensen Zeitaufwand, der neben einem regulären 40 Stunden Job kaum zufriedenstellend zu bewältigen ist. Eines kam in meinem Leben meist zu kurz. Zu meinem Nachteil war es meine eigene Sexualität. Oft hörte ich von anderen: „Warum nimmst du denn nicht gleich Geld dafür?“ und auch wenn sie es nicht so meinten: Es war für mich die perfekte Geschäftsidee! Lasse ich mich für den Sex bezahlen, den ich eh habe, kann ich es mir erlauben, weniger zu arbeiten und habe auf diese Weise mehr Freizeit.

Arbeitsmodelle

Die Sexarbeit bietet viele Arbeitsmodelle, die es ermöglichen, sich seine Arbeit flexibel an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. So stand ich zunächst vor einem Katalog von Fragen: Möchte ich lieber alleine oder mit anderen arbeiten, möchte ich mein Marketing selbst in die Hand nehmen oder an eine Agentur abgeben. Lieber am Tag oder in der Nacht arbeiten? Wo möchte ich überhaupt arbeiten? Auf der Straße, in einer Wohnung, in einem Bordell oder in Hotels. All diese Freiheiten standen und stehen mir zur Verfügung. Ich bin Selbstständige, eine Freiberuflerin und als solche niemandem unterstellt oder weisungsgebunden. Ich versichere mich selbst, zahle Steuern und entscheide, wann ich welche Anfragen nach welchen Kriterien annehme. Als Sekretärin, Mediengestalterin oder Entwicklerin konnte ich nicht frei entscheiden und wurde von Kunden, Vorgesetzten oder Kollegen schlecht behandelt. Ich konnte nicht wie heute meinem Ärger Luft machen und diese Personen auf meine Blacklist verbannen. Kaffee holen, Egos hätscheln oder die Visionen anderer umsetzen, dass gehörte in diesen Berufen zu meinem Alltag. Ich versichere ihnen, dies alles gehört nicht zu meinen bevorzugten Tätigkeiten. Ich verdiente mit diesen Berufen zu wenig, um mir die Freizeit gönnen, die ich möchte und ich erhalte nicht die Befriedigung, die ich mir von meiner Arbeit wünsche.

Selbstverwirklichung

Befriedigung, ein gutes Stichwort: Geld auf den Tisch, rein raus und abspritzen? Weit gefehlt! Als Sexdienstleisterin habe ich die Möglichkeit, Menschen dabei zu helfen, ihre Bedürfnisse nach Entspannung, Zärtlichkeit und Sexualität zu erfüllen. Ich spende ihnen Lebensfreude und Vitalität und in den meisten Fällen bekomme ich diese von ihnen zurück. Zum Beispiel von einem Geschäftsmann, der 60 Stunden in der Woche arbeitet und als Nomade durch die Welt reist. Er wünscht sich eine sinnliche Frau, die ihm die Nacht versüßt und darum ruft er mich an. Wir gehen aus und dabei bemerke ich, wie mein Gegenüber immer mehr zur Ruhe kommt. Er nimmt eine entspannte Körperhaltung ein und sein Lachen wird herzlich und unbekümmert. Wir verbringen einige schöne Stunden und gehen rechtzeitig schlafen, denn am nächsten Morgen hat er einen wichtigen Termin. Vor dem Aufstehen legt er sich in meine Arme und genießt einige Momente der Ruhe und Erholung, bevor er sich auf seinen Tag vorbereitet. Noch bevor wir uns verabschieden, betrachte ich seine Erscheinung, zupfe hier und da seinen Anzug zurecht und sage ihm, dass er umwerfend aussieht und an diesem Tag nichts schiefgehen kann. Am späten Abend bekomme ich eine SMS: „1000 Dank für die tolle Zeit! Der Tag verlief mehr als erfolgreich!“

Immer wieder arrangieren sich Männer damit, dass ihre Partnerinnen kein Interesse mehr am Sex haben oder die sexuellen Wünsche nicht übereinstimmen. Einer von ihnen wendet sich an mich, da ihm meine Ausstrahlung gefällt. Nach einem Telefonat ist er sich sicher, mit einer sexuell kompetenten Frau lustvolle Stunden zu erleben. Bei seinen Fantasien stehe ich ihm zur Seite, kann ihm die Grenzen des Machbaren aufzeigen und meine Kreativität und Lust einbringen. Er verschwand nach unserem Spiel im Badezimmer und pfiff dort ausgelassen ein Lied unter der Dusche. Nach einigen Wochen schrieb er mir, dass es ihm sehr gut getan hat, Zeit mit mir zu verbringen und er in seinem alltäglichen Leben mehr Ruhe gefunden hat. Ihm ist jetzt bewusst, dass er mir seinen Bedürfnissen nicht mehr alleine ist. Es gibt  Personen, mit denen er sie teilen kann.

Sie sehen, es geht nicht nur um Sex! Es geht um tiefe Bedürfnisse, Emotionen und Menschlichkeit. Die Menschen schenken mir ihr Vertrauen, um sorgsam mit ihren intimsten Wünschen umzugehen. Diese Wünsche sind selten abgedrehte Fantasien, sondern Spiele des ganz normalen Spektrums menschlicher Sexualität. Ich hole sie ab, wenn sie nach einem Tag gestresst sind, frustriert nach einer gescheiterten Beziehung oder sie unsicher sind, was ihre eigenen körperlichen Bedürfnissen angeht. Zusammen mit ihnen erarbeite ich Szenarien, in denen sie sich auf sich fokussieren könne, sich und ihren Körper spüren dürfen und fern von den wertenden Blicken der Gesellschaft loslassen und sie einfach sie selbst sein dürfen. Viele meiner Kunden nehmen dieses Gefühl mit in ihren Alltag hinein und werden ruhiger, ausgeglichener, fröhlicher. Etwas, das ich als Mediengestalterin, Sekretärin oder Entwicklerin nicht geschafft habe. Ich mache andere Menschen glücklich und zufrieden mit meiner Arbeit, während ich selbst glücklich und zufrieden mit meiner Arbeit bin!

Es war mir eine große Freude mit diesen Worten ein Teil des Kongresses gewesen zu sein und die Möglichkeit genutzt zu haben, Stimme zu ergreifen. Besonderen Dank an Johanna Weber!