Gefühle in meinem Job

Immer wieder haben Menschen große Probleme die Beziehungen und Gefühle zwischen Sexarbeitenden und Kund*Innen zu verstehen und einzuschätzen. Manche glauben  alles kalte Abzocke, andere glauben an die große Liebe. Tom hat mir von seiner Beziehung zu einer Dienstleisterin geschrieben und gefragt wie Gefühle zwischen Stammkund*Innen und Dienstleister*innen aussehen und wie ich das sehe und welche Erfahrungen ich damit habe. Ich glaube, dass das für mehr Menschen interessant ist, darum lasst uns gleich loslegen

Tom hat mir geschrieben: „Fakt ist das ich seit einem halben Jahr einen Crush auf eine Dame habe. Jedenfalls habe ich sie sehr oft besucht, ihr sehr viel Zugehört und ihr eine schöne Zeit beschert, auch wenn ich manchmal bewusst Grenzen überschritten habe. Ich konnte für sie da sein.
Mittlerweile unterscheiden sich die Treffen eigentlich gar nicht mehr von einer ’normalen‘ Affäre bis auf das Finanzielle… Ich habe ihr gesagt das ich ihr ernst gemeinte Zuneigung schenke und nichts erwarten werde; sie lässt sich aus Gründen des Selbstschutzes auf nichts emotionales ein da sie überzeugt ist das ich ohnehin irgendwann verschwinde. Ansonsten scheint sie an der Situation nichts zu stören und genießt es. Ich scheine für Sie eine Art hybrider ‚Kunde/Friend with benefits‘ zu sein. Was mich nicht stört, da sie mir als Mensch wichtig ist und ich sie mag wie sie ist. Endlich zur Frage“

Können emotionale Bindungen in solchen Umfeldern entstehen, bzw. sind selbige hilfreich oder eher hinderlich? 
Ich denke in erster Linie ist das davon abhängig, was die Dienstleister*Innen zulassen wollen und können. Es gibt Arbeitsmodelle wie der Strich, die teilweise bewusst gewählt werden, da hier der körperliche Aspekt oft im Mittelpunkt stehe. Escort ist dagegen eine Sparte, in der bewusst daran gearbeitet wird diese Grenzen zu verwischen und das knüpfen dieser emotionalen Verbindungen dein Hauptjob sind. Kein Arbeitsmodell ist besser oder schlechter als das andere, ich mag diese Wertungen nicht. Es geht maximal darum, das ist besser für diese Bedürfnisse geeignet und das vielleicht nicht. 

Klar können emotionale Bindungen entstehen, es sind Menschen beteiligt! Für mein Arbeiten finde ich es sogar, von Vorteil emotionale Verbindungen aufzubauen. Wenn ich den Menschen sehe und seine Gefühle die derjenige hat, dann kann ich nicht nur ein tolles körperliches Erlebnis schaffen, sondern die Person wird sich darüber hinaus mit mir verbunden fühlen und der Wunsch sich mit mir gut zu fühlen und  Zeit mit mir zu verbringen wächst und vielleicht wird die Person sogar zu einem Stammgast. Darum kann es von Vorteil sein, eine emotionale Verbindung zu Kund*Innen zu schaffen. Ihr kennt solche Verbindungen evtl. auch von euren Therapeut*Innen, Frisör*Innen oder Lehrer*Innen.
Es macht es auch für mich leichter, denn mit Vertrauen, Empathie und Zugewandtheit entspannen die Menschen schneller und machen es erst möglich sich nackt zu machen und zuzulassen von mir berührt zu werden. Und hier fängt es für mich an wirklich ein interessanter Job zu sein. Ich verführe gerne Menschen dazu sich gut zu fühlen, dass ist mein Handwerk!

Welchen Charakter können diese Geschäfts-Beziehungen von „Stammis“ und Damen sein? 
Es ergibt sich, dass man mit dieser Strategie den Menschen immer näher kommt je häufiger man sie trifft und natürlich kommen sie mir auch näher! Du schreibst schon ganz richtig, Geschäftsbeziehung! Der springende Punkt ist, dass ich beim Arbeiten nur einen Teil meiner Persönlichkeit einbringe, da macht Sex keinen Unterschied zu anderen Disziplinen! Dazu habe ich auch mal ein sehr spannendes Gespräch mit meinem Kollegen Dennis geführt, dass du hier findest. Das ist auch ganz normal, im Job kehren wir die verantwortungsbewussten Teile nach außen, bei den Kindern setzten wir uns durch und unter Freund*Innen wollen wir diese Verantwortung mal in den Hintergrund schieben und geben uns dort als Ulknudel. Völlig normal und gesund! In Begegnungen mit Bekanntschaften, FreundInnen oder Familie überschneiden sich diese verschiedene Gebiete häufiger und dann hat man auch die Möglichkeit eine Person in seiner ganzen Gefühls und Erlebnisvielfalt kennen zu lernen. Ich für meinen Fall brauche bei Menschen die ich privat kennenlernen Jahre dazu Vertrauen aufzubauen um mich in so vielen Teilen meiner Persönlichkeit zu zeigen. Je mehr Menschenkenntnis ich aufbaue, desto länger dauert dieser Prozess auch. Kund*Innen sehen aber immer nur einen sehr begrenzten Teil von mir. Der ist zwar echt, aber eben nur ein Teil und nicht alles, was mich ausmacht. 
Da ich selber auch nur durch dieses Fenster sehe, gibt es zum Beispiel bei meiner Arbeit keinen Teil in mir der die Menschen z.B. danach beurteilt wie sehr sich jemand als Partner eignen würde. Wenn mich jemand fragt ob ich mit meinen Kund*Innen privat einen Kaffee trinken würde könnte ich diese Frage ernsthaft nicht beantworten, weil ich diese Perspektive nicht einnehme. Was im Privaten dafür relevant wäre spielt in meinem Job gar keine Rolle. Da muss ich nur entscheiden kann ich sex mit denen haben, die nächsten 1 oder 3 Stunden verbringen und sie in dieser Zeit händeln ohne dass ich danach total ausgebrannt bin. Von dem Menschen, der mit mir Kaffee trinken will muss ich andere Dinge wissen. Überlegt doch mal: zu mir kommen Menschen mit Krebsdiagnosen, während der Scheidung und anderen Dramen des menschlichen Seins. Ich habe für sie alle ein offenes Ohr, aber ich will und kann nicht mit meiner ganzen Person Anteil an diesen Schicksalen nehmen, dass wäre viel zu viel! Was ich kann, ist wahrnehmen, wie es dem Menschen in dem Moment geht. Das Leid sehen und anerkennen, ich kann etwas Menschlichkeit, Berührung und Kraft manchmal aber auch einfach nur Ablenkung spenden, dass alles kann sehr unterschiedlich aussehen. Für manche Menschen ist das sehr verführerisch, sich in dieses Gefühl fallen zu lassen. Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Menschen keine anderen Beziehungen zu anderen aufbauen wollen oder können? Es ist nicht für jeden einfach damit umzugehen und die Kontrolle darüber zu behalten.

Welche Emotionen stecke ich darein und ist auch mehr möglich? 
Bislang kenne ich 2 Geschichten von Sexarbeitenden die ihre Partner beim arbeiten getroffen haben und das waren beides sehr komplexe langjährige Prozesse die Geschäftsbeziehung in eine Liebesbeziehung umzuwandeln. Man kann dabei nicht erwarten nahtlos an die Intimität anknüpfen zu können, wahrscheinlich fällt man eher auf das Level Kaffee trinken zurück. Sag niemals nie, aber ich bin in meinem Leben schon sehr oft verliebt gewesen auch schon in Kunden, sodass ich für mich gemerkt habe, dass das ein Gefühl ist, das vergeht, wenn ich es nicht fütter und ich muss nicht jedem Crush hinterher rennen! In 8 Jahren Sexarbeit haben sich schon ein paar Menschen heimlich verknallt, kühl kalkuliert oder einfach nur einen Knall und glauben nach einem Wochenende heirate ich sie. Also hier werde ich glaube immer wieder Kund*Innen enttäuschen und vor den Kopf stoßen. Es tut mir auch leid für ihre Verletzung! Aber ich muss auch meine Grenzen wahren und aufrecht erhalten.
Also doch alles Business und kalt? Nein! Es ist super den Kalender aufzumachen und sich auf einen feinen Vormittag mit X und Geschenken im Hotel zu freuen. Oder zu wissen, dass morgen jemand kommt mit dem ich einfach nur schön vögeln kann. Klar habe ich Beziehungen zu manchen Kund*Innen, die werden mich lange begleiten und erfreuen wenn ich an sie denke. Das hat aber wenig mit traditionellen Liebesbeziehungen oder Freund*Innenschaften zu tun. Für viele ist das dann früher oder später eine Enttäuschung, wenn sie sich mehr wünschen und ich die Grenze meiner Box erreichen.