Von Nutten und Bullen. 5 Szenen.

von Josefa Nereus

Polizist und Hure. Bulle und Nutte. Freund und Helfer in der Not und Freundin die hilft, wenn du’s nötig hast. Uns prägt ein Verhältnis, das auf tiefem Misstrauen beruht. Denn viel zu oft seid ihr für uns alles andere als Freund und Helfer. Seid eher Vollstrecker, die uns das Leben unnötig schwer machen. Viel zu oft fehlt uns das Vertrauen in euch. Wir weigern uns, euch mehr zu sagen, als wir müssen. Unseren Namen, Anschrift und Geburtsdatum – mehr bekommt ihr oft nicht aus uns heraus. Das hat Gründe.

Szene 1

St. Georg, Armutsstrich und Sperrgebiet. Es regnet immer stärker und die wenigen Menschen auf der Straße gehen schnell und schauen zu Boden.

Hier in St. Georg kann es jede treffen. Ihr macht in Zivil Jagd auf uns. Nehmt uns ins Visier. Vergrault mit eurer Anwesenheit systematisch die anständigen Kunden, die, die wir gerne öfter bei uns zu Gast hätten. Übrig bleiben die Kunden, die sich nichts um polizeiliche Verbote scheren. Ein verdammt gefährlicher Tausch, wenn ihr mich fragt. Mich fragt aber niemand.

Angst vor Geldstrafen, Haftstrafen, Abschiebungen – sie sorgt dafür, dass wir uns in die Schatten zurückziehen. Die dunkelsten Zimmer aussuchen. Am weitesten weg vom Eingang, wo ihr euch wieder mal aufgestellt habt. In private Wohnungen mitgehen, obwohl wir einen Scheiß wissen, wer oder was dort auf uns wartet. Zum Ficken ganz weit rausfahren, weit weg von euren prüfenden Blicken, gezückten Blöcken und Verwarnungen. Weit weg von Hilfe und den Freundinnen, die auf uns aufpassen.

Uns weniger Zeit nehmen können, für das wertvolle Abchecken eines Kunden – ist der normal, will der mich abzocken oder ist das so ein Psycho, der mich abstechen will? Auf der Straße ist das Risiko schon groß genug, warum macht ihr uns mit euren ewigen Kontrollen die Arbeit noch schwerer?

In St. Georg hängt das Bild von Rosa an jedem Laternenpfosten. Zerstückelt und über die gesamte Stadt verteilt wurde sie aufgefunden. Trotzdem haben wir Huren in Hamburg bisher noch kaum Fakten zu dem Fall. Es gibt keine Informationen von euch. Ob es sich um ein Serienverbrechen handeln könnte. Wie wir uns am Hansaplatz verhalten sollten. Müssten. Könnten. Und ihr stört weiter das Geschäft, faselt was von Verboten und Sperrbezirk. Warum helft ihr Bullensc… uns zur Abwechslung nicht mal?

Was bleibt und allgegenwärtig ist, ist dieses verdammte, verschwommene Bild. Ein Foto einer Frau, die Schreckliches durchgemacht haben muss. Eure Plakate lösen sich, wisst ihr das? Sie werden vom Regen aufgeweicht und verschwinden in ihrer alltäglichen Präsenz ganz langsam aus dem Blickfeld.

Aber wir Nutten ahnen es ja, haben es immer geahnt: Hier am Rand kann es jede treffen.

Szene 2

Gutbürgerliche Podiumsdiskussion in … Ein Verständnisversuch zwischen Sozialarbeiter*innen, Polizist*innen und einer sogenannten „privilegierten“ Sexarbeiterin nimmt seinen Lauf.

Ihren Vortrag hält sie an diesem Tag ganz am Ende, nach dem Kuchen. Sie ist als Sexarbeiterin geladen, die etwas aus der Praxis erzählen soll und der man Löcher in den Bauch fragen darf. Die derzeit beliebteste: Warum melden sich Sexworker nicht an? Ihr kommt schon das Kotzen, dann erinnert sie sich, dass sie freiwillig hier ist.

Erst mal das Publikum kennenlernen: Wer kommt aus der Verwaltung, wer macht Beratung? Erstaunlich viele und erschreckend schick zurecht gemachte Menschen heute hier. Der ganze Block bei den Ausgängen besteht schon mal aus Sozialarbeiter*innen. Aber die noch stärker vertretene Gruppe sind Polizist*innen. Sie korrigiert sich, jetzt hat sie wohl einige vom Ordnungsamt mitgezählt. Aber wie pflegt sie immer zu sagen, Uniform ist Uniform …

Dann fragt sie, wer Sexworker privat kennt. Zwei Sozialarbeiter heben ihre Hand. Wer seine Hand nicht hebt, lügt wahrscheinlich. Denn jeder von ihnen kennt Sexworker, die meisten wissen es aber nicht. Das Stigma versperrt ihre Lippen und lässt Lügen sprießen. Ich arbeite als persönliche Assistentin im Modebusiness, wir machen hier alle Nachtschichten. Nein, ich habe derzeit keine feste Beziehung, ich lege sehr viel Wert auf meine Unabhängigkeit. Die Unterwäsche mit dem seltsamen Ausschnitt? Nur so ein Party-Gag von dieser Junggesellinnen-Party, auf der ich letztens war.

Das Stigma ist der Grund warum Sexarbeiter*innen fast alle mit Künstlernamen arbeiten. Der Grund, warum auch die Vortragende ihre Tätigkeit am Anfang ihrer Karriere verborgen und gelogen hatte. Verbergen und lügen musste.

Beim Blick in die Menge bemerkt sie, dass die zweite Reihe komplett in ihren Smartphones versunken ist. Sie zeigt ein Video, in dem Sexworker anonym darüber sprechen, wie es sich anfühlt sich nicht outen zu können. Stigmatisierung zum Anfassen. Sie liebt die Kollegin in dem Video dafür, wie sie sagt, dass sie so vieles beizutragen hat. Und auch dafür, wie sie sagt, dass sie sich das aber nicht traut. Weil andere Fragen stellen könnten … Sie beendet ihren Vortrag mit den Worten, dass wir alle etwas tun können um das Bild der Sexarbeit in der Gesellschaft zu verändern. Dass wir den Menschen in der Branche helfen können, sichtbar zu werden. Und sie bedankt sich für die Aufmerksamkeit.

In der Regel braucht es etwas bis zur ersten Wortmeldung, aber heute hebt sich die Hand eines Mannes unmittelbar. Ein Polizist, das hatte sie sich gemerkt. Sein Ton ist feindselig. “Sie haben mit Ihrem Vortrag das Thema verfehlt. Und ich denke, dass das Publikum hier der falsche Ansprechpartner ist. Bei der Polizei in Deutschland ist Stigmatisierung kein Thema.” Seine Kollegen nicken bejahend. Ein zweiter meldet sich. „Ich habe Sie im Internet gefunden. SIE machen ja Werbung mit ihrem Gesicht…“ Eine Kollegin stimmt ein und deutet dabei auf ihr Smartphone.

Ihr fehlen die Worte. Wo lässt sich hier noch anknüpfen?

Szene 3

Josefa, Hamburger Sexarbeiterin, hat soeben den letzten Kunden des Tages an der Tür verabschiedet. Gegen den Schweinehund kämpfend, der nach dem anstrengenden Termin schon um die Ecke blickt, setzt sie sich an den Laptop und macht sich an den Text für …

Bei einer Veranstaltung die ich besuchte, betonte ein Polizist, dass seine Kollegen mindestens alle zwei Wochen eine Razzia in einem Bordell machen. Sie merken dort, dass die Frauen nicht mit ihnen reden wollen und nur im Mindestmaß kooperieren. Sie geben dem Betreiber die Schuld daran, unterstellen ihm, dass er die Frauen unter Druck setzen würde. Er erzählte, wie sie manchmal ein Dienstfahrzeug über Nacht vor der Tür stehen lassen, auch gerne mal am Wochenende. Dass der Betreiber „am Rad drehte“ weil die Kundschaft ausblieb, freute ihn.

Ich rechne im Kopf, was dieser Schwanzvergleich zwischen Betreiber und Polizist die Frauen, die dort arbeiten, wohl kostet. Gehen wir von drie bis vier Arbeitstagen im Monat und 170 Euro Tagesmiete aus, kommen die wohl kaum mehr rein. Dann noch Spezialsteuern nach dem Düsseldorfer Modell. Als Selbstständige kostet dich jeder Tag ohne Einnahmen bares Geld. Ich persönlich würde in dem besagten Bordell keinen Monat durchhalten. Im Schnitt versuchen die Kolleginnen alle zwei Monate in eine andere Stadt zu fahren, immer mit der Hoffnung, dass die Polizei dort nicht so häufig kontrolliert.

Woran Polizisten die Zuverlässigkeit eines Betreibers festmachen? In einem gewissen katholisch geprägtem Bundeland muss jeder Betreiber und jede Betreiberin das Gesetz brechen. Auf Druck der Polizei. Er oder sie wird dazu gezwungen, jede Frau die im Bordell oder einer Terminwohnung arbeitet bei einer polizeilichen „Nutten-Kartei“ anzumelden. Inklusive Ausweiskopie. Tut er oder sie das nicht, kommen die freundlichen Kollegen von der Polizei mehrmals die Woche vorbei. Diese Registrierung wurde dort hinter dem Rücken der Sexworker bereits viele Jahre vor dem ProstSchG angewandt. Ohne jegliche Rechtsgrundlage.

Seit dem ProstSchG fühlen sich inzwischen auch schon Ärzte dazu berufen, Frauen während der Untersuchung für „Privatstudien“ zu missbrauchen. Die knappe Beratungszeit wird für unangemessene Fragen nach Herkunft, sexuellem Repertoire und ähnlich intimen Dingen verschwendet. Damit Frau Doktor bei der nächsten Tagung ihre eigenen Studien vorweisen kann. Auch wenn das Gesetz dies untersagt. Die Grenzen fallen! Ich frage mich wie lange es eigentlich dauert, bis Sexworker für invasive Eingriffe missbraucht werden dürfen …

Sexworker mit deutschem Pass haben mindestens ein ungutes Gefühl, wenn wir Polizist*innen im Job begegnen. Die meisten von uns fürchten sich, dass sie mit bürgerlichen Namen als Prostituierte aktenkundig werden. Als Sexworker höre ich regelmäßig von Razzien oder bin von ihnen betroffen. In München manchmal sogar mehrmals im Monat.

Und es gibt Spinner, das glaubt kein Mensch! Die versuchen uns mit dieser Masche auch noch abzuziehen. Die versuchen, Sex oder Geld, manchmal sogar beides, von uns zu erpressen! Viele meiner Kolleg*innen kommen übrigens aus Ländern, in denen die Bullen nicht nur „Ärger“ machen, wie hier. Sondern auch erpressen! Vergewaltigen!

Und im heiligen Deutschland? Wenn wir vergewaltigt werden, schickt ihr uns weg! Wenn man uns stalkt, sind euch die Hände gebunden! Und wenn wir getötet werden, SPRECHT IHR NICHT DARÜBER!!

Szene 4

Gleicher Ort. Der Schreibtisch sieht aus, als hätte ihn ein wütender Wirbelsturm getroffen. Der Stuhl ist gekippt, der Laptop liegt am Boden. Stifte und Unterlagen sind ebenfalls am Boden verstreut. Josefa sitzt mit dem Rücken zu uns und raucht schweigend.

Szene 5

Gleicher Ort, ein paar Stunden später. Josefa liegt gemütlich und entspannt am Bett und hört dem Regen durch die Fensterscheiben zu. Sie hat beschlossen den Text nochmal ganz neu zu denken und will diesmal ihre Gedanken ordnen. Sie greift sich Block und Stift.

Worum soll es gehen? Auf welches Problem möchte ich aufmerksam machen?

– Stigmatisierung von Sexworkern (Transpersonen und Männer nicht vergessen)

– Wie Kriminalisierung von Sexarbeit Gewalt etc. erhöht

– Migrantinnen: Werden abgeschoben, noch weniger Schutz als Deutsche, wenig Rechte. Anti-Sexkaufgesetze bringen auch in anderen Ländern keinen Schutz. Viele Nachteile für Sexworker (evtl. Beispiel Neuseeland versus Schweden)

– Unterschied Menschenhandel Zwangsarbeit – unterschiedliche Phänomene, Zusammenmischen der Begriffe sinnbefreit!

– Kriminalisierende Gesetzgebung erhöht Polizeigewalt und Gewalt durch Kunden

– Sexworker müssen auf weniger belebte Gebiete ausweichen (Gefahr, insb. Straßenstrich erwähnen!!)

– Zwangsregistrierung erhöht Stigma (+ Gefahr Datenleaks!)

etc.

Was möchte ich erreichen?

– Reaktionen provozieren

– Polizei adressieren, dennoch zu einem Gespräch einladen, damit sie sensibler werden und bessere Arbeit machen

– Herausfinden, was es braucht, damit Sexworker und Polizei in irgendeiner Zukunft ZUSAMMEN arbeiten können

– ???

ENDE.