Ich bin keine Sexualassitentin!

Dennoch solltest du lesen was eine Prostituierte zum Thema

Pay Sex für Menschen mit Behinderung zu sagen hat!

Ich bin eine Prostituierte oder wie ich mich selbst lieber nennen eine Sexarbeiterin, die auch mit Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen und körperlichen Beeinträchtigungen arbeiten will und bereit ist, sich selbst und das was ich immer über Menschen mit Behinderungen gedacht habe in Frage zu stellen. In meinem Alltag als Schwarze dicke Frau die der Sexarbeit nachgeht erlebe ich, wie ungerecht ich oft behandelt werde und wie schwer mir der Zugang zu Dingen gemacht wird, die für alle anderen wie selbstverständlich erscheinen. Irgendwann fiel mir auf: Während es für alle wie selbstverständlich ist Sex zu haben oder Sexarbeit als Möglichkeit zu nutzen um Sex zu haben, gibt es Gruppen in unserer Gesellschaft denen der Zugang zu Sexualität künstlich erschwert wird, selbst in der Sexarbeit! Dem möchte ich gerne etwas entgegensetzten und daher war und bin ich bereit mich auch mit Kund*Innen zu treffen, die selbst in der Sexarbeit gerne vernachlässigt werden: Behinderte, sehr alte Menschen und beeinträchtigte Menschen. Der Bedarf ist definitiv da und dennoch habe ich sehr wenige Treffen mit Menschen dieser Gruppen. Die meisten Anfragen landen bei mir in dem Papierkorb, ohne das ich je mit der Person gesprochen habe, mit der ich eigentlich den Sex haben sollte und der Grund ist erschreckend: Angehörige und pflegende Personen verhalten sich oft bei den Anfragen wie die Axt im Walde und drängen sich massiv in den Vordergrund, obwohl es ja eigentlich gar nicht um sie gehen soll. Oft ist es für mich so unangenhem, dass ich  bereits nach kurzem Austausch angewiedert ablehne um mich den Pflegenden und Angehörigen zu entziehen. Die Personen um die es eigentlich geht, lerne ich meist gar nicht kennen. Wie das eigentlich passiert, welche Faktoren ich dafür identifizieren kann und was ich mir stattdessen wünschen würde, darum soll es in diesem Artikel gehen.

Prostitution für Behinderte

Symbolbild von Jon Tyson auf Unsplash

Die gute und die schlechte Sexarbeit

Das ProstSchG von 2017 und nicht zuletzt auch Corona haben die gesamte Branche verändert. Jede Form von Sexarbeit als Nebenjob paralell zur Arbeit im Büro ist für die meisten nicht mehr vereinbar. Dadurch erklärt sich auch, warum in den letzten Jahren immer mehr und mehr Sexualassistent*Innen ihre Arbeit im Pay Sex aufgegeben haben. Gleichzeitig sind immer mehr und mehr Fulltime Sexarbeitende bereit sich auch mit Menschen die behindert, beeinträchtigt und/oder erkrank sind zu arbeiten. Ich bin ehrlich und ich denke, dass das in den meisten Fällen ein Mix aus Menschenfreundlichkeit UND wirtschaflichem Denken ist. Und das muss man unbedingt im Hinterkopf haben. Fulltime Sexarbeitenden müssen von dieser Arbeit leben, Krankenkassenbeiträge, Mieten und Steuern bezahlen, Werbeplätze buchen, Shootings organisier, Arbeitskleidung und Toys anschaffen, von denen dann natürlich auch wieder unsere Kunden und Kundinnen profitieren. Es schließt sich nicht aus, dass jemand wirtschaftlich denkt und achtsam, respektvoll und informiert dieser Tätigkeit nach geht. Ganz im Gegenteil, nur wer sich finanziell absichern kann, hat langfristig die Ressourcen sicher, achtsam und wertschätzend mit sich selbst und Kund*Innen umzugehen! 

Oft gelten das Arbeiten mit Behinderten und auch Tantra als keine “richtige” Sexarbeit und viele Akteur*Innen in diesen Bereichen geben auch alles um sich möglichst weit von der vorbelasteten und stark stigmatisierten Prostitution abzugrenzen.

Die Gründe hierfür sind sehr komplex, verfehlen aber selten ihre Wirkung. 90% der Menschen die für eine Pereson mit Behinderung suchen, fragen neben einer Sexualassistenz nach Trantriker*Innen. Ich bin überzeugt, dass das mit Berührungsängsten zu tun hat! Vor dem Gesetz gilt jede Person, die sexuelle Handlungen an Personen gegen ein Entgeld vorminnt als Prostituierte*r. Auch Tantra zählt darunter und natürlich auch das Arbeiten mit Menschen mit einer Behinderung! Es ist auch ein durch Vorurteile verbreiteter Mythos, dass Prostituierte „alle nach einem Chema F arbeiten“ und nicht in der Lage sind mit ihrem Know How und „mit Empathie auf verschiedene Situationen individuell einzugehen“. Sorry für den Rant, aber das verärgert mich immer sehr beim betrachten der meisten Äußerungen von Sexualassistent*Innen oder Tantriker*Innen. Das auch eine ganz normale Prostituierte*r früher in der Pflege tätig gewesen sein kann oder im Privaten Kontakt zu Menschen mit Behinderungen haben kann oder auch einfach so empathisch und achtsam auf Menschen mit Behinderung zugehen kann und will realisiert so gut wie niemand. Ich denke das es den meisten Pflegenden und Angehörigen die auf der Suche sind auch angenehmer ist sich mit diesen “sauberen” Formen von Sexarbeit zu befassen, als in ein weiteres Thema einzusteigen, in dem Stigma, Vorurteile und Stereotypen eine große Rolle spielen.

Vermeintlich liegt die Lösung dann in diesen Angeboten. Die Betonung liegt auf vermeintlich. 

Tantra ist keine Lösung

Tantra ist eine sehr spezialisierte Form von Sexualität, in der es um eine spirituelle Erfahrung gehet, die durch Berührung erreicht werden soll. Auch in der westlichen Interpretation ist ein Teil dieser Idee enthalten. Für viele Masseur*Innen steht die Massage des Körpers mit den Händen oder Gegenständen wie Tüchern, Federn und ähnliches im Vordergrund, auch wenn der Handjob in modernen Geschäftsmodellen immer integriert und nicht mehr weg zu denken ist. Aber mehr als eine schöne Massage und Handjob wird an Sexualität in Tantra Studios meist nicht angeboten. Küssen, Kuscheln, die Brust berühren, Fragen zum Thema Sexualität stellen oder Rollenspiele sind in aller Regel Tabu, ganz zu schweigen von Oral- oder Geschlechtsverkehr oder den Körper der anderen Person intensiv betrachten zu dürfen.

Bei einer Tantramassage ist der/die Kund*In passiv und kann keine eigene Sexualität in der Begegnung ausleben, sondern empfängt lediglich von einer Person, die in aller Regel keine eigene Sexualität mit in diese Begegnung bringt. Wenn eine Person, danach fragt, das erste Mal Sex zu erleben oder erkunden zu wollen, was mit dem Körper in Sachen Sex noch geht und was nicht, sind das die absolut falschen Ansprechpartner*Innen. Auch viele Sexualassisten*Innen haben ein eher eingeschränktes Angebot und bieten z.B. keinen Oral- oder Geschlechtsverkehr an.

Das Angebot der meisten Prostituierten ist wesentlich umfangreicher, darum ist ihr Honorar auch wesentlich höher. Oral- Geschlechtsverkehr, Rollenspiele und heise Dessous anziehen und sich darin präsentieren ist für die meisten das Minimum an angebotenen Service und passt zu den meisten Wünschen besser, als das sehr spezialisierte Angebot von Tantriker*Innen. Es ist darum sehr wichtig mit den Personen die Wünsche abzusprechen und nach geeigneten Dienstleister*Innen zu suchen, die mit dem gefragten Praktiken vertraut sind und bereit sind diese auch umzusetzten.

Das Problem mit den Pflegekräften, Angehörigen und Co

Pflegekräfte, Angehörige und Co machen den Ablauf in der Mehrheit unnötig kompliziert und unwirtschaftlich! Neulich hatte ich eine Anfrage von einer Ergotherapeutin, die mir eröffnete, dass ich bevor ich mit der Person um die es eigentlich geht sprechen kann (um zu entscheiden ob ich überhaupt mit ihr Sex haben will) erst einmal mit dem gesetzlichen Betreuer, der Assistenz und einer weiteren Person telefonieren müsse um danach evtl das Gespräch mit der Person führen zu können mit der ich später den Sex haben soll. Und überhaupt hätten sie alle ja soooo viele Fragen an mich. Bei allen anderen Kund*Innen entscheide ich ob ich ein Treffen möchte oder nicht nach 2-4 Nachrichten oder wenigen Sätzen am Telefon, warum sollte ich das mit Menschen die eine Behinderung haben anders machen? Diese Gespräche mit Pflegenden und Angehörigen führe ich nicht mehr und werde davon auch nicht mehr abweichen! Bei diesen Gesprächen werde ich selbstverständlich zu sehr intimen Dingen ausgefragt und natürlich mit Vorurteilen, Stigma und Stereotypen konfrontiert und darf dann nebenher noch Aufklärungsarbeit leisten und mit diesen verbalen Fehltritten zurechtkommen. Ich bin kein Zootier, dass jeder einmal ausfragen darf, noch ist es meine Aufgabe euch unbezahlt weiterzubilden, während ich diese Zeit gerne mit der Aquise von zahlender Kund*Innenschaft verbringen möchte. Bitte respektiert das und haltet euch und eure Neugier im Hintergrund oder bezahlt mir diese Zeit zu meinem regulären Stundensatz für Aufklärungsarbeit. Ihr könnt sehr gerne den Kontakt herstellen und auch bei dem Gesrpäch dabei sein und organisatorisches fragen, in den meisten Fällen braucht es euch auch um die Abwicklung zu regeln und natürlich um Beistand zu leisten und die Person, die sich euch anvertraut hat mit Rat zur Seite zu stehen, mehr ist allerdings meist nicht nötig und oft sogar schädlich, nicht nur für mich als Sexarbeitende, sondern auch für eure Klient*Innen. bzw Angehörigen.

Ich habe oft den Eindruck, dass Pflegekräfte oder Angehörige ihren Klient*Innen alles abnehmen wollen. Ich suche dir eine Sexarbeitende und bespreche mit denen auch was gemacht wird, regel das mit dem Geld und du liegst nur passiv da und bekommst eine Tantramassage. Noch passiver geht es nur, wenn die Personen auch beim Treffen vertreten werden. Es ist fundamental wichtig, dass auch Personen mit Behinderungen -sofern möglich- aktiv die Wahl ihrer SexualpartnerInnen aufgrund der eigenen sexuellen Präferenzen mit zu gestalten, ebenso wie den geplanten Sex zu verhandeln, also auch welche Praktiken, evtl Vergünstigungen, ect…

Es ist wichtig diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen als selbstbestimmte sexuelle Wesen zu machen. Wenn ihr euch einbringen wollt unterstütz eure Klient*Innen dabei und haltet euch im Hintergrund, versucht schon im Alltag einem aufgeklärten und lockeren Umgang mit dem Thema Sexualität zu haben und fördert es, wenn sie über ihren Sex sprechen wollen. 
Pflegende und auch Angehörige liefern mir auch regelmäßig bereits bei der ersten Anfrage sehr intime Informationen, die für mich nicht relevant sind und denken nicht einmal im Ansatz über die Dinge nach, die für mich wichtig sein könnten. Ob der Penis steht oder nicht ist Sexarbeitenden völlig egal, jeder 4. der zur Tür reinkommt kriegt keinen hoch und geht dennoch zufrieden. Ich frage mich auch regelmäßig wie sich das für die Person anfühlt über die gesprochen wird, besonders wenn sie wissen würden, dass diese Infos für Sexarbeitende völlig überflüßig sind. Auch hier ist ein eigenverantwortlicher Umgang mit den Körper nicht mehr möglich, ebenso einen Weg zu finden die eigene Sexualität und Körperfunktionen zu kommunizieren, etwas das solange es geht unbedingt wahrgenommen werden sollte. 

Ich bin keine Sexualassistentin! Ich bin eine Sexarbeitende, die auch Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen und Behinderungen arbeiten möchte. Ich möchte mich nicht darauf spezialisieren, aber gerne meinen Kund*Innenkreis erweitern. Dadurch wird meine Arbeit nicht mehr wert und ich kein besserer Mensch, aber ich kann etwas gegen ein Ungleichgewicht tun, dass ich selbst ungerecht finde und dem etwas entgegen stellen möchte, während ich mein Auskommen verdiene. Menschen sind nicht ihre Körperform, Erkrankung oder Behinderung. Darum möchte ich mehr Menschen eine Möglichkeit bieten, dieselben Strukturen zu nutzen um sich als sexuelles Wesen selbstbestimmt ausleben zu können und ich freue mich darauf, wenn ihr mich als Pflegende, Angehörige und Co dabei untestützt.

In den nächsten Wochen werde ich zu diesem Thema noch etwas mehr auf meiner Seite veröffentlichen und ein Angebot für diese Gruppe genauer ausformulieren. Dieser Artikel wendet sich hauptsächlich an Betreuende, Pflegende und Angehörige von Menschen mit einer Behinderung, da ich hoffe, mir in Zukunft dadurch die Kommunikation zu vereinfachen. 

Mir ist bewusst, dass ich mit dem Artikel nicht alle Menschen mit einer Behinderung einschließe.