Vergewaltigung

Moin moin!
Es hat Jahre gedauert, bis ich die Möglichkeit gesehen habe dieses Video zu recherchieren, zu schreiben und letztendlich auch zu drehen und ich bin sehr dankbar, für die Unterstützung, dass es endlich doch dazu gekommen ist. Danke! An Menschen die diese Gewalt erlebt haben und ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben, mir mit Gesprächen bei der Recherche geholfen haben und es mir möglich gemacht haben dieses Video umzusetzen. 

Zunächst aber einen kleinen Überblick. Wahrscheinlich wird es ein längerer Text und es gibt viele Aspekte, die unerwähnt bleiben. Worüber ich in diesem Video spreche kann ich in 4 Punkten zusammenfassen: 

  • Welche Vorstellungen und Vorurteile haben wir von Vergewaltigungen 
  • Welchen Eindruck konnte ich als Zeugin von einem Gerichtsprozess mitnehmen
  • Stigmatisierung von Betroffenen
  • Resilienz und welche Erfahrungen ich bei meiner Arbeit sammeln konnte

Wie sieht eine Vergewaltigung aus?
Aus Film und Fernsehen kennen wir es. Ein Fremder springt hinter einem Busch hervor, eine Frau wird im Parkhaus überfallen… Die meisten Menschen glauben, dass die größte Gefahr in der Öffentlichkeit lauert, aber nur ca 1/5 aller Taten findet in der Öffentlichkeit durch Fremde Personen statt. Es ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher von dem Menschen mit dem du eine Beziehung führst, eng verwandt bist oder eine Freundschaft pflegst oder Hobby teilst vergewaltigt zu werden, als von einem Fremden, wenn du Nachts unterwegs bist. Wenn du mal drüber nachdenkst, ganz schön gruselig und unangenehm der Gedanke oder?

Aber auch wie sexuelle Übergriffe entstehen ist mit sehr vielen Vorurteilen belastet. Das Wort Gewalt steckt zwar im Namen, aber es braucht keine Schläge, Würgen oder Tritte um jemanden zu sexuellen Handlungen zwingen zu können. Gerade unter vertrauten Personen gibt es Möglichkeiten mit Worten viel wirksamere Gewalt auszuüben. Eine Vergewaltigung kann aus einvernehmlichen Sex entstehen und ich sehe großes Gefahrenpotenzial in dem Mangel an Sexualaufklärung und Bildung über sexuellen Konsens.

Hast du bislang an einen Mann als Täter und eine Frau als Opfer gedacht? Hier kommen wir zu einer weiteren Cascade an Vorurteilen. Wir gendern das Thema und ordnen den Beteiligten Rollen und Geschlechter zu. Nicht nur, dass wir Menschen ausnehmen, die nicht eindeutige Geschlechterrollen passen. Das ganze geht aber noch tiefer: Wenn wir uns Studien ansehen, wird Vergewaltigung mit ”wurde penetriert” gleichgesetzt. Demnach kann ein Mensch mit Vulva nicht mit dem eigenen Körper vergewaltigen. Vor 30 Jahren war das auch die gesetzliche Definition…

An dieser Stelle schenke ich es uns und lasse die vielen Verhaltensregeln um sich nicht vergewaltigen zu lassen. Ich komme gleich zu dem was wirklich wichtig ist: Du hast keine Kontrolle darüber, was andere Menschen machen! Dein eigenes Verhalten hat keinen Einfluss darauf, ob sich jemand dazu entschließt eine Straftat zu begehen oder nicht. Wir neigen dazu, die Verantwortung bei den Opfern zu suchen und ihnen Fehlverhalten nachzuweisen. Diese Abwesenheit der Täter schadet denen die Gewalt erlebt haben und begünstigt die Rape Cultur innerhalb unserer Gesellschaft.

Ge-Recht-igkeit 
Vor ca 1,5 Jahren wurde ich dazu aufgefordert bei der Polizei zu erscheinen um eine Aussage zu einer Vergewaltigung zu machen. Es ging um einen Begegnung, die ca 1,5 Jahre zurückliegt. Mir ist auf meinem Hin- und Rückweg zum Supermarkt eine Frau begegnet mit der ich auch ein paar Sätze ausgetauscht habe. Nach 1,5 Jahren, bei der Befragung auf dem Polizeirevier habe ich diese Begegnung beinah vergessen…Als ich dann ca 3 Jahre nach der Tat vor Gericht aussagen sollte, waren meine Erinnerungen nicht besser! Ich empfand meine Aussage selbst als frustrierend und hatte den Eindruck nichts dazu beitragen zu können, weil ich fast ständig wiederholte, dass ich es schon so lange her ist und ich mich nicht erinnere. Die Betroffene Frau war am Tat Tag bei der Polizei und hat ihre Aussage gemacht und Anzeige erstattet. 
Ich bin erschüttert, das zu sehen und bei meinen Recherchen hat sich gezeigt, dass es ein langjähriger Prozess werden kann, der einem einiges an Ressourcen abverlangt. 

Wie alle Menschen sind auch Anwält*Innen, Richter*Innen und andere Prozessbeteiligte nicht frei von Vorurteilen, Weiterbildung zu diesen Themen ist auch für diese Berufsgruppen keine Selbstverständlichkeit. Ich habe bemerkt, wo andere ihre blinden Flecken haben und wo ich meine eigenen habe und wie schwierig es ist Unterstützung von Institutioneller Seite zu bekommen.
Das wird keine Debatte Anzeigen oder nicht anzeigen! 
Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg damit umzugehen und je nach Beschaffenheit der Tat und den Ressourcen der Beteiligten gibt es individuelle Wege damit umzugehen.  Es ist ok, wenn du jemanden nicht anzeigst, weil du in 4 Monaten deinen Abschluss machst und ausziehst. Das ist deine Entscheidung! Ebenso wenn du diesen Prozess willst oder wünscht für deine Heilung eine Einsicht von Täter und Beteiligten zu bekommen. Wenn du nach einer Antwort suchst finde ich einen Aspekt am wichtigsten: Was hilft dir dabei dein Leben wieder unter deine Kontrolle zu bringen? Du darfst entscheiden, wie du mit den verschiedenen Aspekten und Konsequenzen einer solchen Tat umgehen willst.


Doku in der 4 Frauen über den Prozess nach der Anzeige berichten:

Stigmatisierung von Betroffenen
Medusa ist eine Gestalt, die viele von uns kennen. Die Frau mit den Schlangen auf dem Kopf und bei deren Anblick man sich in Stein verwandelt. Es gibt Überlieferungen, die geben an, dass Medusa als schreckliches Monster geboren wurde. Es gibt aber auch Überlieferungen, nach dem war Medusa nicht immer solch ein Monster.
Medusa war eine Frau, die von allen Männern begehrt wurde. Auch Poseidon, Gott des Meeres. Er umwarb sie aber nicht und fragte auch nicht nach Sex, sondern zwang sie dazu. Athene, seine Frau erfuhr davon und war außer sich vor Wut und sie bestrafte nicht Poseidon, der durfte sein Leben normal weiterführen durfte, sondern Medusa. Von nun an hatte sie keine Haare sondern Schlangen auf den Kopf  und auch der Rest ihrer Erscheinung wurde von Athena möglichst abstoßend gestaltet und wer sie ansah bezahlte mit seinem Leben und gefror zu Stein. Sie war verdammt ohne Liebe und in Einsamkeit zu leben. Damit nicht genug. Sie wurde zur Pilgerstädte und jeder Mann der ein Held werden wollte erprobte sich daran Medusa endgültig zu töten. Um nicht getötet zu werden musste Medusa diese Männer ansehen und ihren Tot herbeiführen. Bis Perseus kam. Er wurde von den Göttern u.a. Athene mit Waffen und einem Plan ausgestattet und mit einer List schaffte er es, Medusa den Kopf abzuschlagen. Damit war ihr Martyrium aber noch nicht beendet. Ihr Körper erhielt kein Begräbnis, ihr abgetrennter Kopf wurde als Waffe und ihr Blut und Torso zur Erschaffung neuer Götter missbraucht. Letztendlich heftete aber Athene sich Medusas Kopf an ihr Schild um Unheil von sich und ihrem Mann abzuwenden.
Diese Geschichte wurde vor über 2000 Jahren zum ersten mal aufgeschrieben und ist dennoch so aktuell, als sei sie gerade erst online gegangen.

Menschen die sexuelle Gewalt ausgeübt haben
Es gibt nicht nur Menschen, die diese Gewalt erleben, sondern auch die, die diese Gewalt ausüben. Wenn sie nicht wie Poseidon ihr Leben unbehelligt weiter leben und schweigen, werden auch diese Menschen (die Vorverurteilt, Überführt oder Geständig sind)  zum Schweigen gezwungen. Bitte versteht mich nicht falsch, ich will keinen Täter*Innen eine Plattform bieten auf der sie sich rechtfertigen oder gar ihre Taten propagieren. Aber ich möchte Täter und Täterrinnen ihre Stimmen dafür nutzten können, endlich Prävention zu betreiben, damit Menschen lernen wie man Konsens einhält und wie leicht es ist die Grenze zur Gewalt zu überschreiten. Ich will, dass es Menschen bewusst wird, dass es keine Sexmonster gibt, sondern jeder von uns in die Lage kommen kann sexuelle Gewalt auszuüben und sexuelle Gewalt zu erleben. 

Resilienz
Die Fähigkeit sich mit den eigenen traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzten und Wege zu finden mit ihnen zu leben und zu erholen. Anders als es die Gesellschaft heute  oft kommuniziert ist es selbstverständlich im Bereich des Möglichen sich von diesen Gewalttaten zu erholen und natürlich auch eine erfüllende Sexualität zu lernen und leben. Jetzt würde ich euch natürlich gerne sagen, tu XY und du wirst in 3 Wochen erstaunliche Resultate erzielen. Aber so individuell die Menschen, so individuell sind auch die Wege mit Trauma und Verletzung umzugehen. Es ist auch nicht immer möglich sich mit den emotionalen Konsequenzen einer Tat zu beschäftigen oder die Ressourcen zu bekommen, die dazu notwendig sind. Es ist nicht immer möglich, dass sich Menschen aus missbräuchlichen Beziehungen entfernen und ihr Leben und Genesung selbstständig gestalten.
Ein Paar Anlaufstellen findest du in der Infobox, wo du dich hinwenden kannst um einfach mal mit jemanden darüber zu sprechen, Informationen oder sonstige Hilfe leisten kann. 

Wenn Menschen sich soweit erholt und entwickelt haben, dass sie sich wieder mit ihrer Sexualität auseinandersetzen wollen kann ein Besuch bei einem Sexarbeitenden ein Schritt sein. 
Keiner meiner Gäst*Innen ist dazu verpflichtet sich zu offenbaren. Ich halte viel davon, Menschen einfach reden zu lassen was sie wollen  und frage solche Themen nicht nach. Wenn mir jemand davon erzählt, dann geht es wie bei allen anderen auch erstmal darum herauszufinden, was sie gerne erleben wollen und wo genau sie in ihrer Sexualität stehen. Ich bin Begleiter, liefre Inspiration, helfe bei der Kommunikation,  manchmal bin ich Biolehrerin und Händchen halten ist auch zwischendurch drin. Ich halte meine Sexualität im Hintergrund, damit der andere Raum hat und nicht gegen meine Energie ankämpfen muss. Ich gebe ihnen und auch anderen das Gefühl die Kontrolle über die Situation zu haben. Hier haben wir auch den Punkt wo es schwierig werden kann geeignete Menschen zu finden, die einem in diesem praktischen Prozess begleiten. 
Ich finde es wichtig, dass Menschen das Gefühl haben frei entscheiden zu können und nicht aufgrund einer solchen Tat dazu verdammt sind einen bestimmten Lebensstil zu führen, einen bestimmten Prozess erleben zu müssen.