Kategorie: Allgemein

Slutshaming

Josefa Nereus Stuhl

Hure, Nutte, Prostituierte? – Welche Bezeichnung ist jetzt die richtige?

Viele Menschen sind unsicher, wie sie meinen Beruf bezeichnen sollen und was angemessen ist und was nicht. Aus dem Grund möchte ich euch heute mal die 3 meist gebrauchten Worte vorstellen, wo sie herkommen und welche Bedeutung sie haben.

Nutte
geht auf das Wort “Nut” zurück, dass ein technischer Begriff für eine Fuge, eine längliche Vertiefung ist. Nut kann auch mit “Spalte” oder “Ritze” übersetzt werden. So wird es auch verständlicher, dass der Begriff für eine Vagina verwendet wurde. Ich denke, dass der heutige Begriff Fotze damit vergleichbar ist, der eine Frau abwertend auf ihr Geschlechtsteil reduzieren soll. Später kam die Verknüpfung mit sexuellen Dienstleistungen dazu und das Wort veränderte sich und wurde zum heute bekannten “Nutte”.
Es gibt auch die Theorie, dass sich der Begriff aus der Jägersprache ableitet, dort wird die “Nuss” als Synonym für die Geschlechtsteile von Tieren benutzt.
Ich lehne den Begriff ab und denke in beiden Fällen erklärt die Wortherkunft warum. Mir fällt kein andere Beruf ein, indem Menschen auf eines der Organe reduziert werde, die für die Ausführung vermeintlich relevant sind. Menschen mit Bezeichnungen für Tiere zu benennen, ist immer eine Abwertung. Wir geben uns bis heute penibel Mühe uns in der Sprache vom Tier abzugrenzen.

Hure
Dieser Begriff leitet sich aus dem Wort “huor” ab und ist schon über 1200 Jahre alt. Er bezeichnete nicht nur Frauen, die Sex gegen Geld tauschten sondern stand ganz allgemein für außerehelichen Sex. Spannend finde ich, dass Ehebrecherinnen als “Huora” bezeichnet wurden, es aber keinen Begriff für den männlichen Ehebrecher gab. Vielleicht geht es dir eh nicht und mir kommt dieses Prinzip irgendwie bekannt vor …
Diesen Begriff benutze ich als
Selbstbezeichnung schon lange bevor ich Sexarbeiterin wurde, da ich von Menschen so bezeichnet wurde, wenn ich sexuell aktiv war, ich den Sex mit bestimmten Menschen verweigerte oder zustimmte. Daraus interpretierte ich für mich, dass ich als sexuell selbstbestimmt Frau generell so bezeichnet werde egal mit wem ich Sex habe. Wie gesagt, dass ist eine Selbstbezeichnung und eine Eigeninterpretation, die nichts mit meinem Beruf zu tun hat. Für andere Menschen benutze ich diesen Begriff nicht und möchte außer nach Absprache beim Dirty Talk auch nicht so angesprochen werden. Weder von Kolleg*Innen noch von anderen, einfach weil es sehr uneindeutig ist, ob Menschen die Bedeutung des Begriffs kennen.



Prostituierte
Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen prostituere „öffentlich preisgeben, zur Schau stellen“ ab. Das wir Dingen einen Preis geben liegt auf der Hand, auch wenn es damals eher negativ gemeint war, im sinne, etwas zu verlieren. Die Vorstellung, das Frauen etwas beim Sex verlieren hält sich ja bis heute. Das zur Schau stellen mag damals Gültigkeit gehabt haben, in Zeiten ohne Internet, Reklametafeln und Anzeigen war das präsentieren auf der Straße für viele die einzige Möglichkeit die Dienstleistung unter die Leute zu bringen. Darüber hinaus waren Prostituierte über Jahrhunderte hinweg dazu verpflichtet sich durch ihre Kleidung für den Rest der Bevölkerung sichtbar zu machen egal ob sie privat unterwegs waren oder zum Anschaffen. Oft waren das gelbe Tücher, Säume oder auch Aufnäher. Daraus ergaben sich auch weitere Diskriminierungen, wie vom geltenden Recht ausgeschloßen zu sein, ein Verbot zu heiraten oder innerhalb der Stadtmauern zu leben, dafür wurden aber meist Sonderbesteuerungen und Registrierung verlangt. Das dieser Begriff mit seiner diskriminierenden Geschichte auch kein Favorit ist kannst du wahrscheinlich nachvollziehen.

Slutshaming
Alle diese Begriffe wurden schon bei ihrer Entstehung negativ und abwertend besetzt und werden bis heute so benutzt. Überwiegend nicht um meine Berufsgruppe zu beschreiben, sondern um Frauen ganz allgemein zu demütigen oder um eine vermeintliche moralische Überlegenheit zum Ausdruck zu bringen und Verhalten insbesondere weibliches Sexualverhalten zu bewerten.
Mein Wunsch wäre, dass keines dieser Worte mehr Verwendung findet, weder als Berufsbezeichnung noch als Beleidigung. Wenn man sich ansieht wo diese Begriffe her kommen, wofür sie benutzt wurden und werden und wie veraltet sie sind, kann ich nicht verstehen, wie jemand zu einem anderen Schluß kommen kann. Aber ich verbiete niemanden die Benutzung dieser Worte, im Übrigen tun das auch andere Gruppen nicht, sondern sie wünschen sich wie ich einen reflektierten Umgang damit. Also, dass sich Menschen informieren: Wo kommen diese Worte her, welche Bedeutung haben sie und wie wurden sie geprägt. Du kannst dich jetzt frei entscheiden, ob du diese Begriffe “Nutte, Hure und Prostituierte” benutzen möchtest oder lieber nicht. Falls du sie benutzen willst musst du aber damit leben, wenn Menschen die die Bedeutungung kennen dir sagen, dass das beleidigend ist oder du dich wie ein altes respektloses frauenfeindliches Arschloch anhörst und solche Kommentare online einfach gelöscht werden. Du kannst nicht erwarten für abwertende menschenverachtende Beleidigungen auch noch Applaus zu ernten, so ist das Leben.

Natürlich will ich nicht unterschlagen, dass Sexarbeiterin, bzw Sexarbeiter eine selbst gewählte Berufsbezeichnung ist. Die einzige die keine Beleidigung darstellt und den Aspekt der Arbeit aufgreift, anstatt zu demütigen und abzuwerten.





Meine liebsten Stellungen

East Hotel Hamburg

Viele Menschen glauben, dass ich immer in den abgefahrensten Stellungen unterwegs bin. Ab und an kann das auch passieren, wenn man z.B. ein Hotelzimmer auseinandernimmt… Aber um ehrlich zu sein, arbeite ich 98% der Zeit in diesen 3 Stellungen

Missionarsstellung 
Der Klassiker schlechthin! Hilft durch Schwerkraft die Erektion zu halten, ich kann leichter meinen Beckenboden aktivieren. Und es ist einfach so schön vertraut…
Wie tief und welche Organe jemand in dieser Stellung erregt, wird stark von der Beinarbeit beeinflusst von der Person die unten liegt. Nimmst du die Beine hinter die Ohren, kann der Penis sehr tief z.B. gegen den Muttermund oder sehr tief im Darm stoßen. Bei vaginaler Penetration kannst du aber auch beide Beine ausstrecken und deine gesamte Vulva und große Teile der Klitoris können stimuliert werden. Wer dabei oben liegt ist eine Frage des Trainings.

Reiterstellung 
Die Stellung gibt mir die meiste Kontrolle über Tiefe, Geschwindigkeit und Intensität. Auf den Knien ist es eher etwas gediegener. Wenn ich wirklich hart ficken will, hocke ich mich hin und stelle die Füße neben das Becken. Intensität der Stöße und auch die Geräuschkulisse lassen dann keine Wünsche mehr offen und du kannst auch mit Vulva sehr beherzt zustoßen.

Doggy Style  
In dieser Stellung habe ich auch viel Kontrolle, solange ich nicht durch eine Wand oder Bett begrenzt bin.  Auch wie du deinen Oberkörper positionierst hat einfluss darauf, wie du gestoßen wirst. Lieber nicht so tief, dann nimm deinen Oberkörper nach oben. Ich glaube, dass viele Menschen so schneller zum Orgasmus kommen. Warum kann ich aber nicht genau erklären. Mit Sicherheit wird mehr Druck auf den Penis ausgeübt und vielleicht hilft es dem ein oder anderen nicht gesehen zu werden …

Alternativ lieben

Mit der Vorstellung der idealen perfekten monogamen Beziehung wachsen wir alle auf und sind enttäuscht, wenn wir sie nicht finden. Das ist nur den wenigsten bestimmt, der Rest ist frustriert über der Aufgabe einen geeigneten Menschen zu finden mit dem sie eine Beziehung führen wollen, Kinder kriegen, Firmen aus dem Boedn stampfen, Häuser bauen… Natürlich ist das dann auch der Perfekte Liebhaber bzw Liebhaberin, der mir alle Wünsche von den Augen abliest! Ich verlass mich nicht darauf und begegne regelmäßig Menschen, die das auch nicht mehr wollen. 
In Alternativen Beziehungsmodellen gibt es die Ansätze jeden selbst die Verantwortung über den eigenen Sex zu überlassen und sich dennoch emotional verbunden zu fühlen und zu sein. 
Viele sehen das als Verlust an, ich meine jedoch, durch die Fragen, die aufkommen und die Kommunikation die notwendig wird, wenn man sich alternativen Beziehungen stellt, kann eine Beziehung viel Ehrlichkeit und Intimität gewinnen. 

Offene Beziehung 
Die Beziehung besteht aus 2 Personen, die Sex mit anderen haben. Ob beide, nur auf Parties oder nur einer dem nachgeht oder wie Sexpartner*Innen gesucht werden muss jedes Paar für sich verhandeln für sich entscheiden. Ich kenne Paare, die nur auf Parties Sex mit anderen Sex haben und der andere immer alles mitbekommt oder gar mit macht. Aber es gibt auch Paare, die autark jeder für sich nach dem Sex suchen, den sie sich wünschen. 

Polyamore Beziehungen 
Die Beziehung besteht aus min 2 Personen die willens sind eine 3. Person aufzunehmen, und die sich emotional verbunden fühlen möchten. Hier geht es nicht darum, Sex mit anderen zu haben sondern die wollen mit mehr Menschen emotionale Verbindungen eingehen! Dabei muss nicht jeder mit jedem eine Verbindung eingehen. Es können komplexe und mehrere Haushalte überspannende Beziehungen gepflegt werden, die auch Reisen in andere Städte oder Länder notwendig machen können. Gerade während Corona eine echte Herausforderung.

Freundschaft+  
Ich finde die Bezeichnung sehr unglücklich und wenn ich online lese, wie das definiert wird, finde ich das gruselig. Für Freunde habe ich auch Gefühle und pflege Beziehungen und gehe Verpflichtungen ein. Aber ich finde es gut, dass Beziehung nicht nur mit Liebe gedacht wird, sondern Menschen verhandeln, was sie sich von einer Beziehung wünschen. Warum muss immer Liebe die treibende Kraft sein, wenn Menschen eher sexuell orientiert sind oder muss Sex überhaupt eine Rolle spielen?

Allen Modell ist gemein, dass sie eine eigene Form von Kommunikation notwendig machen, die es in der Form meist nicht in Monogamen Beziehungen gibt. Wie halte ich meine eigene Eifersucht aus? Wie sehr beeinflusst Liebe die Qualität meines Sex und umgekehrt? Wenn ich nicht für Sex mit meinem Partner zusammen bin, warum dann?

Sexy High Heels

High Heels Fetisch

Moin moin!

In meinem Job spielen sie eine große Rolle und schon Frauen wie Marilyn Monroe waren überzeugt, dass diese Schuhe eine ganz besondere Wirkung haben. Andere verteufeln sie wiederum und damit kommen wir gleich zum ersten Punkt:

Warum tragen Menschen, warum trage ich High Heels?
Die Antwort: Ich finde mit High Heels kann ich am schnellsten meine Wirkung auf andere verändern. Sie können ein lässiges Outfit in ein elegantes Styling verwandeln, verändern unmittelbar die gesamte Körperhaltung und ich bin gezwungen mich langsamer und bedachter zu bewegen. Sie setzen jeden Fuß in Szene, stecken die Silhouette. Dazu sind sie durch Klang und Optik irgendwie unglaublich sinnlich.

Wie läuft man in diesen Schuhen?Übung macht den Meister und da sich das Laufen in Heels deutlich vom Gang in Sneakern oder anderen flachen Schuhen unterscheidet habe ich mir damals mein erstes Paar gekauft um dann Wochenlang damit in meiner Wohnung zu üben. Meine Nachbarn unter mir waren sehr begeistert 😉

  • Verändere deine Körperhaltung und richte dich auf und mach dich groß
  • Kleine Schritte, ein Fuß vor den anderen, bzw sehr dicht beisammen
  • Die Ferse wird zuerst aufgesetzt, das ändert sich aber wenn du auf Gras, Gittern oder Kopfsteinpflaster gehst. Dann lieber das ganze Gewicht auf dem Vorderfuß lassen.
  • Mach die Hüften locker und beweg sie mit, ich laufe achten
  • Stabilität durch die fließende Bewegung, wie beim Fahrradfahren
  • Draußen laufen ist etwas anders, als in der Wohnung oder im Club. Die Untergründe sind verschieden, kleine Steinchen oder Unebenheiten können den Fuß mehr anstrengen und belasten.
  • Es ist hilfreich etwas Fußfitness zu machen und die Muskulatur mit dehnen, Muskelaufbau und Massagen zu pflegen.

 

Wie finde ich den passenden Schuhe? Finde die Höhe und Passform, die für dich geeignet ist! Manche laufen in 10cm besser als in 8cm, vielleicht läufst du unsicherer, weil deine Zehen so gequetscht werden 

  • ein kleines Plateau kann den Vorderen Fuß etwas entlasten.
  • Der Schuh muss passen und dir Stabilität geben. Ich mag darum zum Beispiel Mary Janes sehr gerne, weil meine Zehen nicht den Schuh festhalten müssen. Achte darauf, dass die Ferse gut sitzt und du nicht zu einfach aus dem Schuh schlüpfen kannst, entspanne dazu den Fuß und versuch ihn einmal abzuschütteln. Was für den Alltag völlig ungeeignet ist, lasst das Herz von Fetischist*Innen höher schlagen.
  • Wo befindet sich der Absatz? Direkt unter der Ferse oder am Ende des Schuhs? Je nachdem wird dein gesamtes Körpergewicht auf den Vorderen Fuß verlagert oder du kannst einen Teil auf der Ferse lassen.
  • Kauf dir ein paar Balletschuhe für die Handtasche. Du willst schnell die Bahn erwischen oder es ist nicht mehr auszuhalten, weil deine Füße brennen. mit einem Paar Ersatzschuhe kein Problem. Ich ziehe meine Heels nicht mehr standartmäßig an, wenn ich einen Outcall habe, sondern packe sie ein und packe sie aus, wenn es Zeit für Ihren auftritt ist. 

Wann ist es ein Fetisch?
Kennt ihr die Menschen die 100 Paare im Schrank stehen haben und alle haben eine unbeschädigte sohle? Manche haben schon verkürzte Sehnen oder andere Schäden durch das Tragen und wollen dennoch nicht auf 10 cm Absätze verzichten. Auch wenn die erotische Komponente fehlt ist diese Form der Hingabe und Leidenschaft schon etwas besonderes. Ich werde oft gefragt, ob ich meine Schuhe beim Sex anlassen kann oder Menschen sie streicheln, bewundern und ablecken dürfen. Ich empfehle jedem sich jemanden zu suchen, der auch eine Vorliebe für Füße hat, dann ist das mit der wohltuenden Massage für die Füße auch kein Problem mehr.

Gefühle in meinem Job

Immer wieder haben Menschen große Probleme die Beziehungen und Gefühle zwischen Sexarbeitenden und Kund*Innen zu verstehen und einzuschätzen. Manche glauben  alles kalte Abzocke, andere glauben an die große Liebe. Tom hat mir von seiner Beziehung zu einer Dienstleisterin geschrieben und gefragt wie Gefühle zwischen Stammkund*Innen und Dienstleister*innen aussehen und wie ich das sehe und welche Erfahrungen ich damit habe. Ich glaube, dass das für mehr Menschen interessant ist, darum lasst uns gleich loslegen

Tom hat mir geschrieben: „Fakt ist das ich seit einem halben Jahr einen Crush auf eine Dame habe. Jedenfalls habe ich sie sehr oft besucht, ihr sehr viel Zugehört und ihr eine schöne Zeit beschert, auch wenn ich manchmal bewusst Grenzen überschritten habe. Ich konnte für sie da sein.
Mittlerweile unterscheiden sich die Treffen eigentlich gar nicht mehr von einer ’normalen‘ Affäre bis auf das Finanzielle… Ich habe ihr gesagt das ich ihr ernst gemeinte Zuneigung schenke und nichts erwarten werde; sie lässt sich aus Gründen des Selbstschutzes auf nichts emotionales ein da sie überzeugt ist das ich ohnehin irgendwann verschwinde. Ansonsten scheint sie an der Situation nichts zu stören und genießt es. Ich scheine für Sie eine Art hybrider ‚Kunde/Friend with benefits‘ zu sein. Was mich nicht stört, da sie mir als Mensch wichtig ist und ich sie mag wie sie ist. Endlich zur Frage“

Können emotionale Bindungen in solchen Umfeldern entstehen, bzw. sind selbige hilfreich oder eher hinderlich? 
Ich denke in erster Linie ist das davon abhängig, was die Dienstleister*Innen zulassen wollen und können. Es gibt Arbeitsmodelle wie der Strich, die teilweise bewusst gewählt werden, da hier der körperliche Aspekt oft im Mittelpunkt stehe. Escort ist dagegen eine Sparte, in der bewusst daran gearbeitet wird diese Grenzen zu verwischen und das knüpfen dieser emotionalen Verbindungen dein Hauptjob sind. Kein Arbeitsmodell ist besser oder schlechter als das andere, ich mag diese Wertungen nicht. Es geht maximal darum, das ist besser für diese Bedürfnisse geeignet und das vielleicht nicht. 

Klar können emotionale Bindungen entstehen, es sind Menschen beteiligt! Für mein Arbeiten finde ich es sogar, von Vorteil emotionale Verbindungen aufzubauen. Wenn ich den Menschen sehe und seine Gefühle die derjenige hat, dann kann ich nicht nur ein tolles körperliches Erlebnis schaffen, sondern die Person wird sich darüber hinaus mit mir verbunden fühlen und der Wunsch sich mit mir gut zu fühlen und  Zeit mit mir zu verbringen wächst und vielleicht wird die Person sogar zu einem Stammgast. Darum kann es von Vorteil sein, eine emotionale Verbindung zu Kund*Innen zu schaffen. Ihr kennt solche Verbindungen evtl. auch von euren Therapeut*Innen, Frisör*Innen oder Lehrer*Innen.
Es macht es auch für mich leichter, denn mit Vertrauen, Empathie und Zugewandtheit entspannen die Menschen schneller und machen es erst möglich sich nackt zu machen und zuzulassen von mir berührt zu werden. Und hier fängt es für mich an wirklich ein interessanter Job zu sein. Ich verführe gerne Menschen dazu sich gut zu fühlen, dass ist mein Handwerk!

Welchen Charakter können diese Geschäfts-Beziehungen von „Stammis“ und Damen sein? 
Es ergibt sich, dass man mit dieser Strategie den Menschen immer näher kommt je häufiger man sie trifft und natürlich kommen sie mir auch näher! Du schreibst schon ganz richtig, Geschäftsbeziehung! Der springende Punkt ist, dass ich beim Arbeiten nur einen Teil meiner Persönlichkeit einbringe, da macht Sex keinen Unterschied zu anderen Disziplinen! Dazu habe ich auch mal ein sehr spannendes Gespräch mit meinem Kollegen Dennis geführt, dass du hier findest. Das ist auch ganz normal, im Job kehren wir die verantwortungsbewussten Teile nach außen, bei den Kindern setzten wir uns durch und unter Freund*Innen wollen wir diese Verantwortung mal in den Hintergrund schieben und geben uns dort als Ulknudel. Völlig normal und gesund! In Begegnungen mit Bekanntschaften, FreundInnen oder Familie überschneiden sich diese verschiedene Gebiete häufiger und dann hat man auch die Möglichkeit eine Person in seiner ganzen Gefühls und Erlebnisvielfalt kennen zu lernen. Ich für meinen Fall brauche bei Menschen die ich privat kennenlernen Jahre dazu Vertrauen aufzubauen um mich in so vielen Teilen meiner Persönlichkeit zu zeigen. Je mehr Menschenkenntnis ich aufbaue, desto länger dauert dieser Prozess auch. Kund*Innen sehen aber immer nur einen sehr begrenzten Teil von mir. Der ist zwar echt, aber eben nur ein Teil und nicht alles, was mich ausmacht. 
Da ich selber auch nur durch dieses Fenster sehe, gibt es zum Beispiel bei meiner Arbeit keinen Teil in mir der die Menschen z.B. danach beurteilt wie sehr sich jemand als Partner eignen würde. Wenn mich jemand fragt ob ich mit meinen Kund*Innen privat einen Kaffee trinken würde könnte ich diese Frage ernsthaft nicht beantworten, weil ich diese Perspektive nicht einnehme. Was im Privaten dafür relevant wäre spielt in meinem Job gar keine Rolle. Da muss ich nur entscheiden kann ich sex mit denen haben, die nächsten 1 oder 3 Stunden verbringen und sie in dieser Zeit händeln ohne dass ich danach total ausgebrannt bin. Von dem Menschen, der mit mir Kaffee trinken will muss ich andere Dinge wissen. Überlegt doch mal: zu mir kommen Menschen mit Krebsdiagnosen, während der Scheidung und anderen Dramen des menschlichen Seins. Ich habe für sie alle ein offenes Ohr, aber ich will und kann nicht mit meiner ganzen Person Anteil an diesen Schicksalen nehmen, dass wäre viel zu viel! Was ich kann, ist wahrnehmen, wie es dem Menschen in dem Moment geht. Das Leid sehen und anerkennen, ich kann etwas Menschlichkeit, Berührung und Kraft manchmal aber auch einfach nur Ablenkung spenden, dass alles kann sehr unterschiedlich aussehen. Für manche Menschen ist das sehr verführerisch, sich in dieses Gefühl fallen zu lassen. Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Menschen keine anderen Beziehungen zu anderen aufbauen wollen oder können? Es ist nicht für jeden einfach damit umzugehen und die Kontrolle darüber zu behalten.

Welche Emotionen stecke ich darein und ist auch mehr möglich? 
Bislang kenne ich 2 Geschichten von Sexarbeitenden die ihre Partner beim arbeiten getroffen haben und das waren beides sehr komplexe langjährige Prozesse die Geschäftsbeziehung in eine Liebesbeziehung umzuwandeln. Man kann dabei nicht erwarten nahtlos an die Intimität anknüpfen zu können, wahrscheinlich fällt man eher auf das Level Kaffee trinken zurück. Sag niemals nie, aber ich bin in meinem Leben schon sehr oft verliebt gewesen auch schon in Kunden, sodass ich für mich gemerkt habe, dass das ein Gefühl ist, das vergeht, wenn ich es nicht fütter und ich muss nicht jedem Crush hinterher rennen! In 8 Jahren Sexarbeit haben sich schon ein paar Menschen heimlich verknallt, kühl kalkuliert oder einfach nur einen Knall und glauben nach einem Wochenende heirate ich sie. Also hier werde ich glaube immer wieder Kund*Innen enttäuschen und vor den Kopf stoßen. Es tut mir auch leid für ihre Verletzung! Aber ich muss auch meine Grenzen wahren und aufrecht erhalten.
Also doch alles Business und kalt? Nein! Es ist super den Kalender aufzumachen und sich auf einen feinen Vormittag mit X und Geschenken im Hotel zu freuen. Oder zu wissen, dass morgen jemand kommt mit dem ich einfach nur schön vögeln kann. Klar habe ich Beziehungen zu manchen Kund*Innen, die werden mich lange begleiten und erfreuen wenn ich an sie denke. Das hat aber wenig mit traditionellen Liebesbeziehungen oder Freund*Innenschaften zu tun. Für viele ist das dann früher oder später eine Enttäuschung, wenn sie sich mehr wünschen und ich die Grenze meiner Box erreichen. 

 

Kann ich einen Laden zum Arbeiten empfehlen?

Die Wahl deines Arbeitsplatzes ist eine Angelegenheit, die nur du allein aussuchen kannst. Was für mich ideal ist, muss es noch lange nicht für dich sein. Gerade in ländlichen Gebieten gibt es wenig Auswahl und was Honorare, Mieten und Beteiligungen angeht verdienen manche Zulieferer gerne fleißig mit. Sei wachsam und überlege, was für dich akzeptabel und passend ist.

Also kommen wir zu der Frage: Kannst du einen Laden empfehlen? Ihr fragt immer wieder. Kannst du mir eine Agentur, Studio, Club what ever empfehlen? Heute gibt es meine Antwort: nein! 
Aber ich habe ein paar Tipps für euch, wie ihr das gut entscheiden könnt.

Impressum
Ein Punkt auf den du achten kannst ist das Impressum. Auch Zulieferer in der Sexarbeit halten sich gerne bedeckt, auch sie trifft das Stigma hart. Dennoch sollten sie eine Adresse in Deutschland angeben und einen Klarnamen sollte das ganze auch haben. Manchmal werden hier Anwälte eingetragen oder andere reale Personen über die man jemanden zur Verantwortung zeihen kann.  Manchmal sieht man auch komische Konstrukte mit Adressen in Asien, England oder anderen Ländern …
Möchte ich, dass diese Menschen Kunden für mich aussuchen mit denen ich Sex haben soll, die dieses Verhalten an den Tag legen? Diese Frage solltest du dir immer und immer wieder stellen, bei allem was mit deinem evtl. zukünftigen Arbeitsplatz zu tun hat. 

Online Recherche in Foren
Du findest nichts zu denen? Entweder sind sie neu am Markt und sind branchenfremd. Als Althure ist das vielleicht kein Ding, aber wenn du selber ganz neu bist, vielleicht nicht die richtigen Partner*Innen. Manchmal brauchen Leute einen neuen Namen im Gewerbe, dass ist nie ein gutes Zeichen, finde ich.

Du findest Kunden, die sich über ein Escort beschweren? Wie reagiert die Agentur? Verteidigt die diplomatisch ihre Auftraggeberin?
Wenn du vor Ort bist, lohnt es sich immer darauf zu achten, wie ist der Umgangston, wie fühlt es sich hier für mich an. Es sollte kein Problem sein, im Pausenraum Kolleg*Innen anzusprechen und mal zu fragen, wie lange die dort arbeiten und ob es Probleme mit Rechnungen oder sonstigen Sachen gab.
Auch interessant ist es zu schauen, wo und wie Werbung gemacht wird. Welche Portale werden genutzt, machen die regelmäßig Werbung, machen sie bezahlte Werbung oder betreuen einen Social Media Account mit Reichweite. Wie soll ich überhaupt vermarktet werden und wie finde ich das ist hier definitiv eine Frage, die du dir beantworten solltest.

Die Gesetztgebung ist in den letzten Jahren immer strenger geworden und nach den Auflagen der Behörden zu arbeiten und verwalten ist leider diskriminierend und an vielen Stellen kriminell. Darum kann es sein, dass du einen tollen Laden hast mit sauberen, gutbezahlten Arbeitsplätzen, der dich nicht bei der Behörde registriert und die Drecksbude, wo die Cops 3 Mal im Monat Razzia machen gilt als Behöreden-Liebling. Nehmt euch also wirklich Zeit, recherchiert und beobachtet diese Unternehmen ein paar Wochen und macht euch selbst einen Eindruck.

Ich hoffe dass ihr was für euch rausziehen konntet, im Grunde sind diese Sachen auf jeden Job anwendbar. 

Vergewaltigung

Josefa Selbstständigkeit, Entscheidung

Moin moin!
Es hat Jahre gedauert, bis ich die Möglichkeit gesehen habe dieses Video zu recherchieren, zu schreiben und letztendlich auch zu drehen und ich bin sehr dankbar, für die Unterstützung, dass es endlich doch dazu gekommen ist. Danke! An Menschen die diese Gewalt erlebt haben und ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben, mir mit Gesprächen bei der Recherche geholfen haben und es mir möglich gemacht haben dieses Video umzusetzen. 

Zunächst aber einen kleinen Überblick. Wahrscheinlich wird es ein längerer Text und es gibt viele Aspekte, die unerwähnt bleiben. Worüber ich in diesem Video spreche kann ich in 4 Punkten zusammenfassen: 

  • Welche Vorstellungen und Vorurteile haben wir von Vergewaltigungen 
  • Welchen Eindruck konnte ich als Zeugin von einem Gerichtsprozess mitnehmen
  • Stigmatisierung von Betroffenen
  • Resilienz und welche Erfahrungen ich bei meiner Arbeit sammeln konnte

Wie sieht eine Vergewaltigung aus?
Aus Film und Fernsehen kennen wir es. Ein Fremder springt hinter einem Busch hervor, eine Frau wird im Parkhaus überfallen… Die meisten Menschen glauben, dass die größte Gefahr in der Öffentlichkeit lauert, aber nur ca 1/5 aller Taten findet in der Öffentlichkeit durch Fremde Personen statt. Es ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher von dem Menschen mit dem du eine Beziehung führst, eng verwandt bist oder eine Freundschaft pflegst oder Hobby teilst vergewaltigt zu werden, als von einem Fremden, wenn du Nachts unterwegs bist. Wenn du mal drüber nachdenkst, ganz schön gruselig und unangenehm der Gedanke oder?

Aber auch wie sexuelle Übergriffe entstehen ist mit sehr vielen Vorurteilen belastet. Das Wort Gewalt steckt zwar im Namen, aber es braucht keine Schläge, Würgen oder Tritte um jemanden zu sexuellen Handlungen zwingen zu können. Gerade unter vertrauten Personen gibt es Möglichkeiten mit Worten viel wirksamere Gewalt auszuüben. Eine Vergewaltigung kann aus einvernehmlichen Sex entstehen und ich sehe großes Gefahrenpotenzial in dem Mangel an Sexualaufklärung und Bildung über sexuellen Konsens.

Hast du bislang an einen Mann als Täter und eine Frau als Opfer gedacht? Hier kommen wir zu einer weiteren Cascade an Vorurteilen. Wir gendern das Thema und ordnen den Beteiligten Rollen und Geschlechter zu. Nicht nur, dass wir Menschen ausnehmen, die nicht eindeutige Geschlechterrollen passen. Das ganze geht aber noch tiefer: Wenn wir uns Studien ansehen, wird Vergewaltigung mit ”wurde penetriert” gleichgesetzt. Demnach kann ein Mensch mit Vulva nicht mit dem eigenen Körper vergewaltigen. Vor 30 Jahren war das auch die gesetzliche Definition…

An dieser Stelle schenke ich es uns und lasse die vielen Verhaltensregeln um sich nicht vergewaltigen zu lassen. Ich komme gleich zu dem was wirklich wichtig ist: Du hast keine Kontrolle darüber, was andere Menschen machen! Dein eigenes Verhalten hat keinen Einfluss darauf, ob sich jemand dazu entschließt eine Straftat zu begehen oder nicht. Wir neigen dazu, die Verantwortung bei den Opfern zu suchen und ihnen Fehlverhalten nachzuweisen. Diese Abwesenheit der Täter schadet denen die Gewalt erlebt haben und begünstigt die Rape Cultur innerhalb unserer Gesellschaft.

Ge-Recht-igkeit 
Vor ca 1,5 Jahren wurde ich dazu aufgefordert bei der Polizei zu erscheinen um eine Aussage zu einer Vergewaltigung zu machen. Es ging um einen Begegnung, die ca 1,5 Jahre zurückliegt. Mir ist auf meinem Hin- und Rückweg zum Supermarkt eine Frau begegnet mit der ich auch ein paar Sätze ausgetauscht habe. Nach 1,5 Jahren, bei der Befragung auf dem Polizeirevier habe ich diese Begegnung beinah vergessen…Als ich dann ca 3 Jahre nach der Tat vor Gericht aussagen sollte, waren meine Erinnerungen nicht besser! Ich empfand meine Aussage selbst als frustrierend und hatte den Eindruck nichts dazu beitragen zu können, weil ich fast ständig wiederholte, dass ich es schon so lange her ist und ich mich nicht erinnere. Die Betroffene Frau war am Tat Tag bei der Polizei und hat ihre Aussage gemacht und Anzeige erstattet. 
Ich bin erschüttert, das zu sehen und bei meinen Recherchen hat sich gezeigt, dass es ein langjähriger Prozess werden kann, der einem einiges an Ressourcen abverlangt. 

Wie alle Menschen sind auch Anwält*Innen, Richter*Innen und andere Prozessbeteiligte nicht frei von Vorurteilen, Weiterbildung zu diesen Themen ist auch für diese Berufsgruppen keine Selbstverständlichkeit. Ich habe bemerkt, wo andere ihre blinden Flecken haben und wo ich meine eigenen habe und wie schwierig es ist Unterstützung von Institutioneller Seite zu bekommen.
Das wird keine Debatte Anzeigen oder nicht anzeigen! 
Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg damit umzugehen und je nach Beschaffenheit der Tat und den Ressourcen der Beteiligten gibt es individuelle Wege damit umzugehen.  Es ist ok, wenn du jemanden nicht anzeigst, weil du in 4 Monaten deinen Abschluss machst und ausziehst. Das ist deine Entscheidung! Ebenso wenn du diesen Prozess willst oder wünscht für deine Heilung eine Einsicht von Täter und Beteiligten zu bekommen. Wenn du nach einer Antwort suchst finde ich einen Aspekt am wichtigsten: Was hilft dir dabei dein Leben wieder unter deine Kontrolle zu bringen? Du darfst entscheiden, wie du mit den verschiedenen Aspekten und Konsequenzen einer solchen Tat umgehen willst.


Doku in der 4 Frauen über den Prozess nach der Anzeige berichten:

Stigmatisierung von Betroffenen
Medusa ist eine Gestalt, die viele von uns kennen. Die Frau mit den Schlangen auf dem Kopf und bei deren Anblick man sich in Stein verwandelt. Es gibt Überlieferungen, die geben an, dass Medusa als schreckliches Monster geboren wurde. Es gibt aber auch Überlieferungen, nach dem war Medusa nicht immer solch ein Monster.
Medusa war eine Frau, die von allen Männern begehrt wurde. Auch Poseidon, Gott des Meeres. Er umwarb sie aber nicht und fragte auch nicht nach Sex, sondern zwang sie dazu. Athene, seine Frau erfuhr davon und war außer sich vor Wut und sie bestrafte nicht Poseidon, der durfte sein Leben normal weiterführen durfte, sondern Medusa. Von nun an hatte sie keine Haare sondern Schlangen auf den Kopf  und auch der Rest ihrer Erscheinung wurde von Athena möglichst abstoßend gestaltet und wer sie ansah bezahlte mit seinem Leben und gefror zu Stein. Sie war verdammt ohne Liebe und in Einsamkeit zu leben. Damit nicht genug. Sie wurde zur Pilgerstädte und jeder Mann der ein Held werden wollte erprobte sich daran Medusa endgültig zu töten. Um nicht getötet zu werden musste Medusa diese Männer ansehen und ihren Tot herbeiführen. Bis Perseus kam. Er wurde von den Göttern u.a. Athene mit Waffen und einem Plan ausgestattet und mit einer List schaffte er es, Medusa den Kopf abzuschlagen. Damit war ihr Martyrium aber noch nicht beendet. Ihr Körper erhielt kein Begräbnis, ihr abgetrennter Kopf wurde als Waffe und ihr Blut und Torso zur Erschaffung neuer Götter missbraucht. Letztendlich heftete aber Athene sich Medusas Kopf an ihr Schild um Unheil von sich und ihrem Mann abzuwenden.
Diese Geschichte wurde vor über 2000 Jahren zum ersten mal aufgeschrieben und ist dennoch so aktuell, als sei sie gerade erst online gegangen.

Menschen die sexuelle Gewalt ausgeübt haben
Es gibt nicht nur Menschen, die diese Gewalt erleben, sondern auch die, die diese Gewalt ausüben. Wenn sie nicht wie Poseidon ihr Leben unbehelligt weiter leben und schweigen, werden auch diese Menschen (die Vorverurteilt, Überführt oder Geständig sind)  zum Schweigen gezwungen. Bitte versteht mich nicht falsch, ich will keinen Täter*Innen eine Plattform bieten auf der sie sich rechtfertigen oder gar ihre Taten propagieren. Aber ich möchte Täter und Täterrinnen ihre Stimmen dafür nutzten können, endlich Prävention zu betreiben, damit Menschen lernen wie man Konsens einhält und wie leicht es ist die Grenze zur Gewalt zu überschreiten. Ich will, dass es Menschen bewusst wird, dass es keine Sexmonster gibt, sondern jeder von uns in die Lage kommen kann sexuelle Gewalt auszuüben und sexuelle Gewalt zu erleben. 

Resilienz
Die Fähigkeit sich mit den eigenen traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzten und Wege zu finden mit ihnen zu leben und zu erholen. Anders als es die Gesellschaft heute  oft kommuniziert ist es selbstverständlich im Bereich des Möglichen sich von diesen Gewalttaten zu erholen und natürlich auch eine erfüllende Sexualität zu lernen und leben. Jetzt würde ich euch natürlich gerne sagen, tu XY und du wirst in 3 Wochen erstaunliche Resultate erzielen. Aber so individuell die Menschen, so individuell sind auch die Wege mit Trauma und Verletzung umzugehen. Es ist auch nicht immer möglich sich mit den emotionalen Konsequenzen einer Tat zu beschäftigen oder die Ressourcen zu bekommen, die dazu notwendig sind. Es ist nicht immer möglich, dass sich Menschen aus missbräuchlichen Beziehungen entfernen und ihr Leben und Genesung selbstständig gestalten.
Ein Paar Anlaufstellen findest du in der Infobox, wo du dich hinwenden kannst um einfach mal mit jemanden darüber zu sprechen, Informationen oder sonstige Hilfe leisten kann. 

Wenn Menschen sich soweit erholt und entwickelt haben, dass sie sich wieder mit ihrer Sexualität auseinandersetzen wollen kann ein Besuch bei einem Sexarbeitenden ein Schritt sein. 
Keiner meiner Gäst*Innen ist dazu verpflichtet sich zu offenbaren. Ich halte viel davon, Menschen einfach reden zu lassen was sie wollen  und frage solche Themen nicht nach. Wenn mir jemand davon erzählt, dann geht es wie bei allen anderen auch erstmal darum herauszufinden, was sie gerne erleben wollen und wo genau sie in ihrer Sexualität stehen. Ich bin Begleiter, liefre Inspiration, helfe bei der Kommunikation,  manchmal bin ich Biolehrerin und Händchen halten ist auch zwischendurch drin. Ich halte meine Sexualität im Hintergrund, damit der andere Raum hat und nicht gegen meine Energie ankämpfen muss. Ich gebe ihnen und auch anderen das Gefühl die Kontrolle über die Situation zu haben. Hier haben wir auch den Punkt wo es schwierig werden kann geeignete Menschen zu finden, die einem in diesem praktischen Prozess begleiten. 
Ich finde es wichtig, dass Menschen das Gefühl haben frei entscheiden zu können und nicht aufgrund einer solchen Tat dazu verdammt sind einen bestimmten Lebensstil zu führen, einen bestimmten Prozess erleben zu müssen.

Mösengesundheit

Klitoris Josefa

Moin moin,
heute möchte ich ein Update zum Thema Bartholindrüse bzw Zyste und den Folgeerkrankungen wie Bartholinitis machen. Unter meinen bisherigen Videos zum Thema tauchen regelmäßig Fragen von euch auf.
Einmal vorab, ich bin keine ausgebildete Medizinerin, sondern gebe hier lediglich meine Erfahrungen und Gedanken wieder. Ich möchte einen Raum aufmachen und finde es wunderbar, dass viele von euch Tipps und Erfahrungen in den Kommentaren ausgetauscht haben und hoffe, dass wir das hier auch machen können!

Nach der OP kommt die Wundheilung
Direkt nach der OP wirst du nichts von deinem Körper spüren, fang dennoch an zeitnah Schmerzmittel wie Ibuprofen zu nehmen und zwar ausreichend! Irgendwann klingt die Narkose komplett ab und dann sollte das Schmerzmittel wirken. Stress dich nicht unnötig mit Schmerzen, dein Körper hat genug anderes zu tun!
Am nächsten Tag wird damit begonnen deine Wunde zu spülen, zumindest wenn du eine Marsupialisation hattest und die Wunde offen verheilt. Je nachdem wie dein Verlauf ist kannst du das selbst machen. Nach 4-6 Wochen solltest du wieder normal sitzen können und auch wieder vorsichtig an das Thema Sex mit anderen denken können. Solosex ging nach ca 2 Wochen schon wieder, aber ganz vorsichtig.
Die 3. und 4. OP war das bei mir leider nur stationär möglich, weil die Zyste um das vorhandene Narbengewebe gewachsen ist. Das ganze ging vom Venushügel bis zur Pobacke und damit zu groß, sodass die Wunde im Krankenhaus versorgt werden musste und ich Opioide bekommen habe, damit die Wunde gespült werden konnte. Dabei wurde ich nicht über die Substanz und die Risiken aufgeklärt, aber auch wenn, sie waren dringen notwendig! Nach einer Woche konnte ich nachhause und ein Pflegedienst ist ein paar Wochen lang gekommen und hat mir dabei geholfen.
Das hat 8-10 Wochen gedauert, bis ich wieder normal sitzen konnte, Sex mit meiner Möse konnte ich ein paar Monate nicht haben, in der Zeit war aber Analsex möglich. Ich habe jedes mal mein Angebot so gestaltet, dass ich zumindest etwas arbeiten konnte und mit Massagen mein Geld verdient habe. 

Narben
Ich wurde bislang 4 mal operiert, 3 mal davon wurden mit einem Skalpell neben dem
Scheideneingang geschnitten. Von dort aus wurde die Zystenhaut in der gesamten Vulvalippe ausgeschabt, die heute von einem Strang Narbengewebe durchzogen ist, dass je nach Wetter und Stresslevel bis heute anschwillt, Schmerzen verursach. 

Ist so eine OP schlimm?
Für mich war der erste Eingriff mittel schlimm, aber jede Person hat da ein anderes
Empfinden! Eingriff 3 und 4 waren richtig furchtbar für mich. Besonders belastend habe ich empfunden, dass viele Ärzt*Innen nur von Ästhetik gesprochen haben und wirklich nie die Rede von Funktion bzw Empfinden war. Das ich meine Möse gerne weiterhin für Sex nutzen will und Angst habe empfindsames Gewebe zu verlieren wurde durch die Bank weg von allen Ärtz*Innen unkommentiert gelassen. Das eine Frau Angst hat ihr sexuelle Potenzial zu verlieren ist keine Frage mit denen sich Ärzt*Innen beschäftigen. Die Krönung waren Ärzte, die so getan haben, als wäre die Vulva schmerzunempfindlich. Auch in euren Kommentaren habe ich immer wieder von Gewalt gelesen, die Ärtz*Innen ausüben, indem keine Narkose gegeben wird.

Auswirkungen auf meinen Sex
Ich spreche mit meinen Sexualpartner*Innen nicht darüber und die meisten Menschen
sehen die Narben auch nicht zwischen den Vulvafalten. Nur wenn Menschen z.B. beim Fingern mit ihren Knochen darauf prallen oder anderes machen, was die Narbe reizen kann bzw ich Missempfindungen dort habe, sage ich kurz, dass ich da eine Narbe habe und sie diese Stelle bitte aussparen sollen. Im Eifer des Gefechts wird da auch nicht nachgefragt. Ich möchte meinen Sexpartner*Innen auch nicht darüber sprechen, dazu ist das Thema für mich zu emotional. Beim Vögeln ist es selten störend, viel Gleitflüßigkeit hilft. Wirklich einschneidend ist es beim Fisting. Das Narbengewebe ist nicht so dehnbar, wie das restliche Gewebe. Schwänze sind kein Problem, aber etwas hartes unnachgiebiges wie die Handknochen wird zu einer Herausforderung… Vor der ersten OP und den beiden letzten habe ich begonnen herauszufinden, wie ich squirte kann. Nach den Eingriffen habe ich das Gefühl dafür völlig verloren und es hat Jahre gedauert bis ich wieder dazu in der Lage war. Meine Arzt*Innen waren da auch keine Hilfe.
Heute habe ich den Stand von vor 9 Jahren wiedererlangt und kann wieder daran arbeiten und entdecken, was mein Körper da eigentlich kann. Letztendlich hat mich das in meiner Sexualität weit zurückgeworfen. 

Was hilft mir heute? Homöopathie
Es ist sicherlich bedenkenswert, wie diese Präparate in Deutschland als Medizinprodukt bzw
Arznei deklariert und vermarktet wird. Dazu kannst du dich auch hier informieren.
Immer wieder wird beim Thema Globuli gerufen: Keine Wirkung über den Placebo Effekt hinaus, das stimmt auch, dennoch ist das kein Grund Globuli für die Therapie von Krankheiten auszuschließen. Denn der Placebo Effekt eine belegte medizinische Therapieform, die Menschen dabei hilft Symptome zu lindern und sogar Krankheiten zu überwinden. Es gibt inzwischen Studien, die es vermuten lassen, dass das sogar funktioniert, wenn die Patient*Innen darüber aufgeklärt werden, dass es sich um eine Placebo Therapie handelt. Es sollte nicht die erste und einzige angebotene Therapieform sein, aber wenn schon große Teile der Vulva vernarbt sind, finde ich es legitim alternative Behandlungsmethoden in Betracht zu ziehen, auch wenn sie aus Zucker bestehen. Unter den anderen Videos haben betroffene Menschen auch andere Ansätze vermittelt, die geholfen haben. Zugsalben, Sitzbäder, Massagen… Lest euch da gerne mal ein bzw wenn du Erfahrungen damit hast schreib sie gerne unter dieses Video. Es gibt so wenig Infos zu dem Thema.

Edition F – 25 Frauen Award geht an Josefa Nereus

Natürlich  habe ich schon vom 25 Frauen Award gehört und schon 2 Jahre zuvor davon geschwärmt, aber nicht zu träumen gewagt. Dennoch oder genau darum: Es hat mich schon sehr überrascht, als ich in meinem Postfach eine E-Mail aus dem Haus Editoin F fand. Hmmm.. wahrscheinlich eine Interview Anfrage dachte ich mir, als ich dem Empfänger las, aber weit gefehlt! Eine saftige Überraschung wartete auf mich: Mir wurde mitgeteilt, dass aus über 1000(!) Vorschlägen meine Arbeit  für die Sexworkerbewegung ausgesucht wurde und ich nun für den 25 Frauen Award nominiert bin und so fand sich mein Name unter 50 großartigen Frauen, die mit ihrer Stimme unsere Gesellschaft verändern.
Wow, was für eine unglaubliche Ehre, Wertschätzung und tolles Zeichen!

Am 17. Mai war es dann soweit und die Gewinnerinnen wurden in Berlin gekürt. Zum Händchenhalten nahm ich meine Kollegin, Freundin  und langjährige Mitstreiterin Charlie Hansen mit, die mich immerzu ermuntert. In 5 verschiedenen Kategorien wurde ausgezeichnet und auch wenn ich die Hoffnung nach 23 ausgezeichneten Frauen schon aufgegeben habe wurde ich dann doch in der Kategorie Selbstbestimmung ausgezeichnet und auf die Bühne gerufen. Was für eine Ehre, was für ein Abend, was für eine tolle Geste für die deutsche Hurenbewegung!

Dazu gab es einen fantastisches Interview, dass du hier nachlesen kannst.

00Sex – Was Agenten und Huren gemein haben

Die Gelegenheit, zu denen ich etwas schreibe werden immer seltener, aber immer besser! … und immer politischer. Wie ich das ändern kann überlege ich mir schon…!
Ich möchte mich für eine tolle Zusammenarbeit bedanken. Zusammen mit Laura-Solmaz Litschel von ragazza e.V., Norbert Holzt und der Friedrich Ebert Stiftung konnten wir in dieser Woche vor 100 Menschen aus NRW etwas von der Situation der Sexarbeiter berichten. Vielen Danke, es hat viel Spaß gemacht!


Kleiner Exkurs
In der Branche ist es eine wahre Seltenheit, vor allem unter den kinderlosen Kolleginnen wie mir, aber ich bin eine Frühaufsteherin und mein Arbeitsalltag beginnt um 6.30 Uhr in der Früh. Bereits in den ersten 15 Minuten des Tages halte ich mein Smartphone in der Hand und verschaffe mir eine Übersicht, was seit dem Abend in meinem Postfach passiert ist. Nach dem morgendlichen Ritual und einer Übersicht meiner Termine und Aufgaben mache ich mich daran den Emailwahnsinn zu bezwingen. Oft dauert es 1 Stunde, manchmal aber auch länger bis ich meine Mails durchgearbeitet und beantwortet habe.  Anders als meine Kolleginnen die mit Kontaktanbahnungsverbot arbeiten, kann ich mir alle Zeit lassen die ich brauche, um zu überlegen ob ich einen Gast möchte oder ihn lieber ablehne. Ich brauche meist nur wenige Minuten dafür. Es sind wenige Minuten in denen ich hoch konzentriert und wachsam meinen Katalog an Bedingungen für und wieder ein gemeinsames Treffen abhake.
Noch vor 1,5 Jahren waren es die Hotels rund um die Alster in denen ich nachts meinen Unterhalt verdient habe, heute arbeite ich in einer Wohnung für mich allein. Kurze Wege, mein eigener Putzplan und mein Händchen für Inneneinrichtung, doch das Wichtigste: Ich habe meinen eigenen Arbeitsplatz und kann bequem am Tag mein Geld verdienen.

Ab 9 Uhr empfange ich meine Gäste und bin telefonisch zu erreichen. Fred ist ein Gast, der um 8.30 Uhr anruft, auch wenn er mich zu dieser Zeit noch nie erreicht hat. Warum er nach 2 Jahren immer noch versucht mich um die Zeit zu erreichen? … ich weiß es nicht. Um Punkt 9 Uhr schreibe ich ihm eine SMS: “Moin Fred, möchtest du mich mal wieder besuchen?“ Er schlägt mir dann 2 Termine vor und ich bestätige: “Freitagnachmittag passt super!” Ich sende “Liebe Grüße und eine gute Zeit bis dahin.” Am Telefon braucht Fred 15 Minuten dafür. Ja Sie vermuten richtig: Fred gehört zu den Gästen die besondere Aufmerksamkeit benötige, die anspruchsvoll im Umgang sind oder wie ich es einfach sage: Fred nervt! Er sabbelt viel und gerne, meistens über Dinge die mich gar nicht interessiere. Er möchte am liebsten immer mit den Dingen spielen die gerade nicht im Angebot sind und viele meiner Sätze gehen so: Nein Fred, wir benutzen wie schon die letzten 2 Jahre ein Kondom. Nein Fred ich möchte nicht, dass du in meinen Wohnzimmerschränken herum stöberst. Nein Fred, wir haben einen höheren Preis abgemacht. Er braucht es stetig Grenzen gesetzt zu bekommen, ähnlich einem Kleinkind. Der ausgelassene Sex mit ihm macht mir aber viel Spaß. Mit viel Aufmerksamkeit und beharrlichen Durchsetzungsvermögen meinerseits sind mir unsere Treffen angenehmer als ein Tag mit Aircondition im Großraumbüro. Er ist sauber und gepflegt, immer pünktlich und bucht meist für mehrere Stunden. Glauben sie mir Gäste in Schach zu halten ist möglich, mit simplen Strategien, die die meisten Frauen bereits vor der Sexarbeit erlernen. Ich gebe zu, manchmal ist es sehr anstrengend und nach einem Termin mit Fred bin ich müde und möchte einfach nur meine Ruhe, darum trage ich meinen Feierabend gleich nach seinem Termin ein. Nein zu sagen und auf sich acht zu geben ist kein Privileg der Frauen die ihre Dienste für 250 Euro oder mehr an den Mann bringen. Nein zu sagen ist ein Grundrecht!
Aber eigentlich möchte ich Ihnen nicht erzählen, wie mein Job funktioniert. Viel lieber möchte ich davon erzählen, wie es nach meiner Arbeit zugeht. Den auch wenn ich zuhause arbeite: nach einer Dusche und frischer Bettwäsche, mache ich mein Handy aus, ziehe mir etwas bequemes an und schaue mir eine serie auf Netflix an. Etwas anderes als bei Ihrem Feierabend beginne ich zum Feierabend auf einen anderen Namen zu hören und -ich bin nicht stolz darauf- aber ich lüge als Hure nach Feierabend so viel wie in meinem ganzen Leben nicht.
Ich möchte Ihnen von den Schattenseiten erzählen, die der Beruf Prostituierte mit sich führt. Ich möchte von der Einsamkeit und der Ausgrenzung sprechen, die ein gesamter Berufsstand erlebt und von dem reale Leidensdruck und wo er wirklich stattfindet. Es sind nicht die Männer denen wir begegnen, die wir fürchten. Wir fürchten uns vor den Reaktionen der Gesellschaft und derer die uns am Nächsten sind.

Der einfache Weg
Noch vor meinem aller ersten Auftrag lernte ich 2 Kolleginnen bei einem Footoshoting kennen. Wir wurden für unser Profil abgelichtet und wurden geschminkt, frisiert, gestylt. Während wir uns umzogen hörte ich den beiden zu, stellte meine Fragen an sie und in Nebensätzen klang bei den beiden mit, dass irgendjemand aus ihrem Umfeld nicht mehr mit ihnen sprach oder wie sie es geheim halten, dass sie als Hure arbeiten. In den letzten 3 Jahren hörte ich mit jeder Kollegin die ich kennenlernte, eine weitere traurige Geschichten über Verlust. Über Kontaktabbrüche in Familien, die Kündigung der Wohnung und dem Ende von Freundschaften. Manchmal hörte ich abenteuerliche Geschichten von improvisierten Flunkereien bis zu hollywoodreifen Einlagen um den Job als Hure vor Freunden, Familie und anderen Arbeitgebern zu verschweigen.
Damals ahnte ich, was für Zusammenhänge dazu führten. Bereits bei meinen Überlegungen im Vorfeld las ich Artikel, Blogbeiträge und Kommentare. Dort las ich von fürchterlichen Geschichten die Frauen in der Prostitution zustoßen und ich konnte es mich nicht vorstellen. Den ich sprach mit Sexarbeitern und machte meine eigenen Erfahrungen als Sexarbeiterin und sie hatten nichts damit zu tun. Mir begegnete keinen Zwang, kein Ekel und ich sah auch keine Gewalt. Ich konnte es nicht zusammen bringen was diese Bilder und meine gemein haben sollen. Noch weniger konnte ich es anderen Menschen um mich herum erklären. Ich gebe zu ich wählte den einfachen Weg und entzog mich diesen Konfrontationen mit Lügen.

Meine Lügen begannen morgens beim Brötchen kaufen, wenn mich Sammy fragt, warum ich heute so verschlafen aussehe. Ich log, ich habe schlecht geschlafen, statt ehrlich zu sagen, dass die Nacht lang und arbeitsreich war. Bei Freunden und Bekannten flunkterte ich, wenn ich nicht auf ein Bier vorbeikkam, weil ich ein Date hatte oder ich belüge meinen Kollegen im Nebenjob, was mir immer wieder Bauchschmerzen verursacht. Bei Partys, beim Grillen, am See … ich hatte immer im Hinterkopf, wem hat man was gesagt? Kennen die sich und haben gegensätzliche Informationen??  Ist mir irgendwo ein Fehler unterlaufen??? Die Angst ist groß, allgegenwärtig und wird auf Dauer zu einer riesigen Belastung. Für die Frauen die ihre Dienste am Hansaplatz anbieten ebenso wie die die im Luxushotel arbeiten. Wie ein Agent schlich ich mit meiner Legend durch mein Leben, immer wieder sogar durch mein Zweites. Für den Kopf und das Herz werden soziale Interaktionen zu einem anstrengenden Hindernisparcour.

Auch untereinander ist der Umgang mit Kolleginnen häufig distanziert und einige wollen bewusst keinen Kontakt zu anderen Sexworkern. Bei vielen passen Lebenswelten nicht zusammen. Am Tag Mami sein und nachts im Bordell arbeiten passt nicht gut zur jungen Studentin, die ihre Semestergebühren bezahlen muss und sich auf Events ihr Gäste angelt. Bei anderen soll das Thema einfach nicht noch mehr Raum einnehmen. Denn auch diese Treffen müssen vor Freunden und Familie verheimlicht werden. Noch eine Person, deren Name nicht unüberlegt fallen darf…Ein Doppelleben zu führen ist sehr anstrengend und verändert die Identität. Ich habe meine Belastungsgrenze nach etwas mehr als einem Jahr gefunden, manch andere begleitet diese Angst durch viele Berufsjahre.

Das Outing
Mit der Zeit viel mir das Lügen immer schwerer und das Korsett in das ich mich selbst geschnürt habe schnitt mich immer mehr ab. Ich wollte die Distanz zu den Menschen um mich herum abbauen und ich sein können. Als eine lebensbejahende Person, die das Stadtleben mag, gerne Blumen kauft und ihren Unterhalt mit Sex verdient. Ich liebe selbst gekochtes Essen, fotografiere gerne und verabrede mich mit meinem Smartphone zu Sex mit fremden Männern. Es ist mir ein Bedürfnis meine Erfahrungen bei all diesen Dingen mit anderen Menschen zu teilen, mit Respekt behandelt zu werden und anderen dabei zu helfen sich mitzuteilen. Es gab diesen Punkt, an dem ich begriff, dass ich mit all den Lügen nichts mehr unbeschwert erleben kann und mich immer mehr von den Menschen in meinem privaten Umfeld zurück zog und immer weniger Menschen in mein Leben hinein lies. Das wollte ich ändern. Ich fasste den Entschluss mich zu outen und mein Weg begann vor fremden Personen. Eine politisch aktive Kollegin sprach mich an, ob ich vor ein paar Teilnehmern etwas von meiner Arbeit berichten möchte. Es waren Bildungsurlauber und Urlauberinnen aus der Verwaltung vor die ich trat und aussprach: Ich verdiene mit Sex mein Geld und beantworte ihnen gerne ihre Fragen rund um das Thema.
Ihre Fragen halfen mir zu verstehen, was andere Menschen über den Beruf und die Menschen denken und mit welchen Attributen sie Nichtwissen füllen. Dadurch fand ich heraus, wie ich ihnen meine Welt und Erfahrungen näher bringen kann und es half mir die Befürchtungen und Unsicherheiten der Absender zu verstehen. Darüber reden zu können und Gehör zu finden war auch eine wichtige Erfahrung. Wenn ich mich den Fragen der Menschen stellte, gibt es immer wieder auch Begegnungen mit Menschen die ein stereotypes Bild von einer Prostituierten haben und Sexarbeiter unbedingt dort hinein zwingen wollen. Danach muss ich eine Frau sein die immer passiv ist und die nicht in der Lage ist mit klarem Verstand für sich einzustehen. Die Wahl des Lebensentwurfs als “selbstständige” Sexarbeiterin ist bedauernswert und findet in einem Rahmen statt, der gefährlich und kriminell ist! Natürlich versuche ich bereits am Anfang einzugrätschen: Stopp! Du gehst davon aus, dass ich Probleme habe, die nicht da sind. Ich mag bezahlten Sex, natürlich kann ich mich einem Mann gegenüber durchsetzen und möchte mich nicht ständig dafür rechtfertigen, dass ich mein Leben so lebe, wie ich es lebe. Doch manche sind nicht zu überzeugen. Sie sind angewidert von der Art, wie ich meine Sexualität lebe und gestalte, sie bezweifeln offen meinen Geisteszustand und Entscheidungsfähigkeit und werfen mir vor, mein Lebensentwurf verdebe ein, nein gleich beide Geschlechter.

Es ist das eine sich vor fremden Menschen aus fremden Städten zu offenbaren und ihre Reaktionen zu ertragen, als die der eigenen Freunden und Verwandten und ich schob es noch ein paar Monate auf mit meinem Vorhaben. Als ich mich dann endlich dazu durchrang gab es großartige Reaktionen und Menschen. Manche waren interessiert und offen dafür.. es waren 2 Menschen. Es waren zwei weitere Menschen die mir mit ihrer Reaktion wirklich sehr weh getan und unsere Wege führen seither voneinander weg.
Sie fragte, ob es nicht ekelhaft sei mit all den Männern. Sie könne es sich nicht vorstellen und dann auch noch eine “Arbeit” daraus machen? Nein, das ist unvorstellbar eine Unmöglichkeit und ich müssen doch verrückt sein so etwas zuzulassen.
Er sagte, dass er es mir einfach nicht glauben werde, dass mich keiner meiner Gäste schlägt. Einer von ihnen habe mich sicher misshandelt und wahrscheinlich erfahre ich immer wieder Gewalt. Das es anders sei, könne er sich nicht vorstellen und es sei eine Unmöglichkeit. Ich müsse von Sinnen sein so etwas zulasse.
Überzeugt, ich sei krank oder in Gefahr bot mir keiner der beiden Hilfe an sondern sie sagten nur, dass das was ich da mache schlecht für mich und alle anderen sein. Egal ob sie mich seit 7 Jahren oder er mich seit 7 Wochen kennt, sie sind davon überzeugt mir, meinen Worten und Entscheidungen nicht trauen zu können und nicht Neues mehr durch mich zu erfahren. Sie wissen bereits, was mich und meine Arbeit auszeichnet. Was auch immer ich sage sie sehen nicht mehr mich, sondern ein verzerrtes Bild, einer Frau, mit der sie reden können, wie es ihnen beliebt. Verrückte, Lügnerin, Verräterin. Unwürdig, ahnungslos, missbraucht. Ekelhaft, schmutzig, unmoralisch! Das sind die Attribute, die Menschen immer wieder benutzten um mich und meine Arbeit zu beschreiben und ihr Unwissen zu füllen.

Mein Outing war auch auf anderen Ebenen eine Enttäuschung. Anders als gedacht lüge ich immer noch. Wesentlich seltener als zuvor, aber es kommt immer noch vor, wenn ich vermeiden möchte das Hauptthema der Küchenparty zu werden oder im Zug neue Leute kennenlerne. Auf die Frage was machst du so antworte ich schnell „ich sitze hier rum“ und lenke auf ein anderes Thema.
Was mir der ganze Aufriss gebracht hat? Ich habe mir meine Selbstachtung zurückgegeben und ich habe nein gesagt, nein zu veralteten Vorstellungen passiver weiblicher Sexualität, nein zum Bild der Hure als Missbrauchsopfer und nein zu den Menschen, die mir mein Leben vorschreiben wollen und sich moralische Urteile darüber erlauben. Sonst gibt es niemanden, der das für mich tut und darum hat es sich trotz aller Enttäuschung, Verurteilung und Ablehnung gelohnt. Es hat sich gelohnt, weil mir 2 Menschen geblieben sind, die mich in meinen Entscheidungen unterstützen und mir zuhören und weil ich nach allem der Überzeugung bin das Richtige mit meinem Leben anzufangen.

Ich wollte Ihnen etwas über die Schattenseite der Prostitution berichten und hoffe, Sie haben einen plastischen Eindruck bekommen. Prostitutionsgegner weigern sich darüber zu sprechen, sind sie doch Teil dieses Problems und in der Branche schweigen wir uns gerne über diese alltäglichen Demütigungen aus. Aus Scham, Trauer oder aus Angst. Wie eingangs erwähnt, trifft dieses Wundmal, das Stigma, das anders sein, nicht nur Frauen die in prekären Situationen arbeiten, sondern es betrifft die breite Mittelschicht, ebenso wie das HighClass Segment. Es überschattet unsere Leben während der Arbeit, im Feierabend und nach dem Berufsausstieg!
In den Verwaltungen der Länder arbeiten viele an der Umsetzung eines Gesetzes, dass unsere Situation weiter verschärfen wird. Es liefert uns keinen Schutz vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, wenn unser Doppelleben auffliegt und auch keinen Schutz davor, dass andere uns wie Menschen 2. Klasse behandeln. Es liefert keinen Schutz vor einem Staat, der dieses Leid mit Ausweisen und Registrierung befeuert. Wir wollen keine Post von Behörden nach hause bekommen, in dem steht, dass wir Prostituierte sind. Wir wollen auch nicht in Registern auftauchen und befürchten, dass wir bei Sorgerechtsstreitigkeiten, bei der Berufswahl oder bei den Plänen welche wir auch immer verfolgen, diesen Teil unseres Lebens in den Mittelpunkt und uns aus dem sozialen Leben zerren.

Ich wollte meinen Vortrag mit einer positiven Aussage beenden und überlege seit der ersten Anfrage vor ein paar Monaten, wie ich das anstellen soll. Heute morgen um 6.35 Uhr habe ich es aufgegeben. Als Sexarbeitende, Privatperson und als politisch Aktive bleibt mir nur eines zu sagen: Das beste, was sie für die Menschen in der Sexarbeit tun können ist dieses Gesetzt nicht umzusetzen! Auch wenn Sie diesem Ungehorsam nicht nachgeben können, nutzen sie bitte die Schlupflöcher, die es bietet und haben sie im Hinterkopf, dass Anonymität und Datenschutz uns am meisten nützen.