Du hast einen Rechtschreibfehler gefunden ... und mir ist es scheiß egal!

Ich bekomme immer wieder Nachrichten von Menschen, die mich auf Rechtschreibfehler auf meiner Homepage aufmerksam machen. Das allein ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass es nie bei einem Hinweis bleibt. Aus „Da ist ein Fehler“ (was man schon respektvoller formulieren kann!) wird immer: „Das wirkt unprofessionell“, „Das wertet deine Website ab“, „Du solltest deine Texte korrigieren lassen“ oder wie in einer Nachricht, die ich gerade bekommen habe, gleich eine Bewertung darüber, was meine Rechtschreibung angeblich über meine Bildung, meine Kompetenz und meine Rolle beim „Untergang der deutschen Kultur“ aussagt. Und genau darüber möchte ich einmal etwas sagen.

„Du bist Ausländerin“ war meine Diagnose

Ich habe eine Lese-Rechtschreibschwäche bzw. Legasthenie. Dabei handelt es sich um eine neurobiologisch bedingte und zu einem erheblichen Teil genetisch beeinflusste Störung, die die Verarbeitung und den Erwerb von Schriftsprache erheblich beeinträchtigen kann. Bei mir wurde das als Kind und Jugendliche nie diagnostiziert, obwohl meinen Lehrerinnen und Lehrern sehr wohl aufgefallen ist, dass ich massive Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben hatte. Statt einer möglichen Lese-Rechtschreibschwäche bekam ich immer wieder eine andere Erklärung: „Naja, du bist Ausländerin.“ Ich bin in Deutschland geboren. Meine Lehrerinnen und Lehrer saßen bei Elternabenden einer weißen Frau mit Deutsch als Muttersprache gegenüber. Sie wussten also sehr genau, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Trotzdem wurde meine offensichtliche Schwierigkeit nicht als möglicher Förderbedarf betrachtet, sondern mit meiner vermeintlich „ausländischen“ Herkunft erklärt und das hatte Konsequenzen: Die Unterstützung, die andere weiße „deutsche“ Kinder mit vergleichbaren Schwierigkeiten bekommen haben, bekam ich nicht. Und später wurden mir in der Oberstufe in praktisch jedem Fach bei Klausuren Punkte wegen meiner Rechtschreibung abgezogen, …

Ihr seht den fertigen Text, nicht den Weg dorthin

Ich habe also sehr früh gelernt, dass meine Schwierigkeiten beim Lesen und  Schreiben nicht einfach nur Schwierigkeiten sind. Sie wurden bewertet. Was heute niemand sieht, ist der Aufwand dahinter. Ihr seht den fertigen Text. Ihr seht nicht, wie viel zusätzliche Konzentration, Zeit und Energie das Schreiben für mich kostet oder wieviel Leid mir Lernen bis in meine 20ger hinein bereitet hat und dennoch habe ich nie damit aufgehört mich zu bilden und Wissen anzueignen! Ihr wisst nicht, wie viel Aufwand allein in diesem Beitrag steckt, der für jemanden ohne diese Schwierigkeit vielleicht in ein paar Minuten geschrieben ist. Und nein, KI, Rechtschreibprogramme und andere Software machen das nicht einfach weg. Sie können unterstützen. Sie sind großartige Werkzeuge. Aber sie ersetzen nicht die Leistung, die ein Mensch mit einer solchen Einschränkung erbringen muss und am Ende dennoch Rechtschreibfehler im fertigen Text zu haben, obwohl man sich so viel Mühe gemacht hat. Als Erwachsene bekommt man diese Unterstützung auch nicht plötzlich kostenlos nachgeliefert.
Wenn ich heute versuche, diese Dinge aufzuarbeiten, die in meiner Kindheit nicht erkannt oder gefördert wurden, muss ich das selbst bezahlen. Und zwar für sehr viel Geld mit teilweise sehr überschaubarem Effekt, den in der Grundschule ist die Zeit in der man diese Schwäche mit Unterstützung noch sehr gut kompensieren kann.

Meine Rechtschreibung ≠ meine Bildung

Deshalb möchte ich auch nicht mehr über meine Rechtschreibung diskutieren. Denn hier kommt der entscheidende Punkt: Die Fähigkeit, Rechtschreibung fehlerfrei anzuwenden, ist eine Fähigkeit. Meine Intelligenz ist etwas anderes. Ich kann komplexe Zusammenhänge verstehen, recherchieren, analysiern, argumentieren, politische Zusammenhänge einordnen, mich sprachlich differenziert ausdrücken und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlichen. Und ich kann gleichzeitig zehn Rechtschreibfehler in einen Satz mit sechs Wörtern machen. Das ist kein Widerspruch! Trotzdem behandeln wir Rechtschreibung gesellschaftlich so, als wäre sie ein zuverlässiger Intelligenz- und Bildungs-Test. Wer fehlerfrei schreibt, gilt als gebildet. Wer viele Rechtschreibfehler macht, gilt als ungebildet, schlampig und/oder unprofessionell. Warum eigentlich? Agatha Christie beschrieb selbst, dass Schreiben und Rechtschreibung für sie immer ausgesprochen schwierig waren und wurde trotzdem eine der kommerziell erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Geschichte. Steven Spielberg ist es ebenfalls Legasteniker. Anthony Hopkins ist auch erheblich in seiner Fähigkeit zu lernen beeinträchtigt und auch unter hochgebildeten und wissenschaftlich erfolgreichen Eliten gibt es zahlreiche Menschen mit Legasthenie, man betrachte nur die Liste an Nobelpreisträger*Innen die sich zu ihrer Beeinträchtigung bekennen. Ich glaube nicht, dass deren Ideen und Leistungen weniger brillant waren, weil sie viele Fehler beim Lesen und Schreiben machten.

Keine Kultur ist an Rechtschreibfehlern gescheitert

Und ganz ehrlich: Ich habe noch nie davon gehört, dass eine Kultur daran zugrunde gegangen ist, dass Menschen Rechtschreibfehler gemacht haben, nicht einmal jene, die keine Schrift kannten. Ich kenne allerdings ziemlich viele Beispiele aus der Geschichte und aktuellen Ereignissen, in denen Menschen andere Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten kategorisiert und abgewertet haben. Das halte ich für eine wesentlich größere Gefahr für Menschen und Kulturen.

Natürlich darf jemand Wert auf korrekte Rechtschreibung legen und eine Website schöner finden, wenn alle Texte fehlerfrei sind. Natürlich darf jemand meine Seite wegen meiner Rechtschreibfehler nicht mögen und wegbleiben. Das alles ist vollkommen in Ordnung. Was ich nicht akzeptiere, ist die Schlussfolgerung: Meine Rechtschreibung sage etwas über meine Bildung oder meine Intelligenz aus oder belegt meine Rolle am „Untergang der deutschen Kultur“ Nein, tut sie nicht!
Ich mache mein auch mein kulturelles Angebot nach meinen Vorstellungen, mit meinen Fähigkeiten und innerhalb meiner Möglichkeiten. Ich entscheide selbst, welche Energie ich in welche Dinge stecke. Wenn ich einen Text veröffentliche und darin Rechtschreibfehler sind, dann ist das so. Und inzwischen sage ich das auch ganz bewusst:

Es ist mir scheißegal, ob Rechtschreibfehler auf meiner Website stehen. Es ist mir auch scheißegal, ob jemand sich daran stört.

Nicht, weil mir meine Arbeit egal ist. Sondern weil ich mich nach jahrzehntelangem Kampf nicht mehr dafür schäme, dass mein Gehirn beim Schreiben und Lesen anders funktioniert. Ich habe mein ganzes Leben lang bereits mehr leisten müssen. Ich sehe keinen Grund, Fremden meine Bildung ständig über genau die Schwäche beweisen zu müssen, für deren Folgen ich als Kind bereits bestraft wurde und für deren Nichtbehandlung ich selbst keine Verantwortung trage.

Was ich mir stattdessen wünsche, …

… ist etwas ganz anderes: Mehr Wissen über Legasthenie und Lese-Rechtschreibschwäche und mehr Verständnis dafür, dass Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen nichts darüber aussagen, wie intelligent ein Mensch ist.
Wenn euch auf meiner Website ein falsch verlinktes Video auffällt: Sagt es mir. Wenn ein Thumbnail nicht zum Video passt: Sagt es mir. Wenn irgendwo ein inhaltlicher Fehler steckt: Bitte unbedingt schickt mir die Quellen mit den richtigen Infos! Wenn ihr einen Rechtschreibfehler findet, behaltet es doch einfach für euch und sehr darüber hinweg oder geht zu anderen Webseiten.

Ich habe für REchtschreibung schon genug Lebenszeit aufgewendet und möchte lieber meine Arbeit machen und gute Geschichten erzählen, Menschen aufklären, dass sie und ihre Körper ok sind und mit Wissen über Körper inspirieren, Kunst und Erotik schaffen, Menschen begeistern und langgehegte Gelüste wahrwerden lassen.